Ursula T. Rossel Escalante Sánchez, Schwarze Galle
I.
Unterstamm Vertebrata, Überklasse Gnathostomata, Reihe Tetrapoda, Klasse Reptilia, Unterklasse Anapsida, Ordnung Testudinata, Schildkröten.
Im Jahre 456 v. Chr. kam der griechische Dramatiker Aischylos auf Sizilien überraschend durch eine auf sein Haupt gefallene Schildkröte zu Tode. Ob er dadurch ironischerweise das Leben der Schildkröte rettete, die der Nussknackerstrategie eines Bartgeiers in die Krallen geraten war, ist nicht überliefert.
Ich kann mich nicht erinnern, ob es die Schildkröte war, die Karla hieß, oder die alte Frau, die wir manchmal mit unserer Mutter besuchten und der mein Bruder nicht in die Augen sehen konnte. Mein Bruder konnte niemandem in die Augen sehen; auch ich konnte das nicht, aber weil ich durch die Menschen hindurchsah statt an ihnen vorbei, fiel es weniger auf. Wir besuchten Karla, die alte Frau, gern, nicht wegen der Schokoladenkekse, die sie uns zusteckte, sondern wegen Karla, der Schildkröte, der wiederum wir Salatblätter zusteckten. Wir lauschten dann dem Kauen des Reptils und glaubten, das Knirschen der Erdachse zu hören.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, Gattung Geochelone, Art: Geochelone radiata, Strahlenschildkröte.
Tu’i Malila, aus dem Ei geschlüpft im Jahre 1777 im Süden Madagaskars, war ein Gastgeschenk des Kapitäns James Cook an die Königsfamilie von Tonga. Das unspektakuläre Wesen mit seinem grau, rot und orange gesprenkelten Panzer war das erste Mitglied der durchlauchten Familie auf Tonga, das der Queen Elizabeth II auf ihrer königlichen Tournee 1953 vorgestellt wurde. Tu’i Malila starb am 19. Mai 1965 im Alter von 188 Jahren eines natürlichen Todes; die sterblichen Überreste, namentlich der Panzer, sind seither im Tongan National Center auf der Insel Tongatapu zu besichtigen.
II.
Mein Bruder und ich waren Totgeburten; vermutlich wurden wir aus Versehen dennoch aufgezogen, obwohl unsere spätere Leistung diesen übermenschlichen Aufwand in keiner Weise rechtfertigte. Beide litten wir an einem letalen Überschuss schwarzer Galle, deren Doppelwertszeit jedoch so unmerklich langsam aufwärts tickte und noch tickt, dass kein Arzt in der Lage war, unser Gebrechen zu diagnostizieren.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, keine näheren Angaben.
Timothy, geboren 1844 man-weiß-nicht-wo, reiste auf einer portugiesischen Freibeuterkorvette über die Weltmeere, bis diese von Kapitän John Courtenay Everard geentert wurde. Timothy befand sich unter der Beute und erlebte an Bord der „HMS Queen“ den Krimkrieg hautnah mit. Während der Bombardierung Sewastopols verzog sich Timothy in den hintersten Winkel seines Panzers. Nach weiteren ausgedehnten Seefahrten auf der „MS Princess Charlotte“ und der „MS Nankin“ verließ Timothy 1892 die britische Marine und verbrachte das Jahrhundert seines Lebensabends im Schlossgarten des Earl of Devon in Powderham. Die Gründung einer eigenen Familie scheiterte allerdings, da Timothy fälschlicherweise für männlich gehalten wurde. Die einzigen Höhepunkte ihrer späten Jahre bildeten die zahlreichen Orden und Auszeichnungen, die ihr für ihre Dienste in der Marine verliehen wurden. Im Alter von 160 Jahren tat Timothy im Morgengrauen des 4. April 2004 einen letzten Atemzug. Ihre Grabstätte befindet sich im Schlossgarten Powderham.
III.
Wir sahen bereits in unserer Jugend greisenhaft aus. Unser Revier beschränkte sich auf wenige Quadratmeter, wir bewegten uns in Zeitlupe, atmeten im Inneren und erstickten außen. Alles an meinem Bruder und mir war Absonderung und Verhärtung. Wir wuchsen langsam in unserem schwachen Puls, nichts Aggressives regte sich in uns, trocken und dicht stemmte sich unsere Haut gegen eine Umwelt, die uns gleichgültig blieb. Wir schirmten unser Inneres pedantisch ab vor Winterkälte und Sommerdürre. Wir gruben uns ein. Sklerotische Gliedmaßen trugen unsere Exoskelette, als bestünden wir nur aus Schädelplatten. Wir kannten kein Knorpelstadium; in unseren Knochen gerann das Leben in der Form.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, Gattung Dipsochelys, Art: Dipsochelys dussumieri, Aldabra-Riesenschildkröte.
Robert Clive, wohnhaft in einem Vorort von Kalkutta und für die Ostindien-Kompanie tätig, bekam von englischen Seefahrern eine auf den Seychellen gefangene Riesenschildkröte geschenkt. 1875 wurde das Tier in den Zoo von Alipur geholt, wo es sich weitere 130 Jahre lang weigerte, sich fortzupflanzen. Kurz nachdem es schließlich den Namen Adwaitya erhalten hatte, was auf Sanskrit ungefähr „Ein und Alles“ bedeutet, öffnete sich auf seinem Panzer eine tiefe Spalte, die sich eitrig entzündete. Adwaitya erlag am 22. März 2006 einem Leberversagen nach 251 hartnäckigen Jahren. Das vermutliche Geburtsjahr 1750 wird mittels 14C-Methode noch verifiziert.
IV.
Als Karla, die alte Frau, starb, nahmen wir kaum Notiz davon. Wir sorgten uns aber um das Schicksal von Karla, der Schildkröte, und fragten immer und immer wieder, was wohl mit ihr geschehen würde. Kein Erwachsener wusste es. Karla wurde nie wieder erwähnt. Mein Bruder und ich trugen sie mit uns in unseren Panzern durch die Kontinente.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, Gattung Geochelone, Art: Geochelone nigra, Galápagos-Riesenschildkröte.
Der Name dieses Reptils fehlt in den Annalen, es wurde bekannt als „König Faruks Schildkröte“. Es folgte seinem Herrn am 6. April 2006 in Kairo ins Grab. König Faruk war - damals seiner Krone längst verlustig - einundvierzig Jahre zuvor gestorben. 270 Sommer hatte seine Schildkröte gesehen, davon Dutzende in kühlen ägyptischen Innenhöfen.
Melancholia ist eine seit dem Altertum bekannte Krankheit, die offensichtlich ihren Ursprung im Reptilienhirn hat; sie wird auch assoziiert mit Trockenheit, Erstarrung, Verknöcherung. Meinem Bruder und mir mangelte es an Vitalität, um selbstbestimmt zu sterben. Also blieben wir ohne Aufenthaltsbewilligung und trösteten uns zuweilen damit, dass das Römische Imperium unter anderem deshalb so erfolgreich Jahrhunderte überdauerte, weil sich seine Legionen die Strategie der Schildkröte zunutze machten, indem sie mit ihren mächtigen Schilden einen unangreifbaren Panzer bildeten - eine Taktik, die als „Testudo“ in die Militärgeschichte einging.
V.
Bislang ist Aischylos der einzige Mensch, der durch eine Schildkröte zu Tode kam, überdies unabsichtlich und nur indirekt. Die Mehrzahl der Schildkröten dagegen verschwindet durch Menschenhand. Diejenigen, die nicht umgebracht werden, verlassen die Bühne still und leise, wie es ihre ureigene Art ist.
Allein auf der Insel Rodríguez in Mauritius wurden im 18. Jahrhundert innerhalb von vier Jahrzenten weit über eine Viertelmillion Riesenschildkröten getötet. So viele von ihnen grasten auf der Insel, schrieben Zeitzeugen, dass man mehrere tausend Schritte über ihre Panzer hätte gehen können, ohne jemals den Boden zu berühren. Der Priester Canon Pigré, der 1761 auf Rodríguez weilte, schwärmte in höchsten Tönen von Fleisch, Frikassee, Geschmortem, Eiern und Leber, alles von der Schildkröte (nicht ohne auf die passende Minzsauce hinzuweisen).
Auf Walfängern und Handelsschiffen waren Schildkröten als lebender Proviant beliebt, da man hunderte von ihnen auf engstem Raum im Schiffsbauch stapeln konnte, wo sie monatelang ohne Nahrung am Leben blieben. Die riesigen Blasen der Tiere garantierten jederzeit Frischwasser, und ihr Fett lieferte vorzügliches Salatöl sowie ein Allheilmittel gegen jegliche bekannten und unbekannten Krankheiten.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, Gattung Geochelone, Art: Geochelone nigra (Unterart abingdoni), Pinta-Riesenschildkröte.
Wem brach es nicht das Herz, als Harriets grauer, stumpfnasiger Kopf in allen Zeitungen erschien, mit einer purpurnen Hibiskusblüte im Mundwinkel, den Blick in grünspanbewachsene Zeitalter gerichtet?
Harriet wurde 1835 im Alter von fünf Jahren auf Galápagos von Charles Darwin aufgelesen; damals war sie vergleichsweise winzig und wurde berühmt als „Darwin’s Dinnerplate“. Unter dem Namen Harry segelte sie auf der „HMS Beagle“ nach England, einem grausamen, lichtarmen Winter entgegen. Kränkelnd trug sie das Ihrige bei zur Theorie über den Ursprung der Arten. Gemeinsam mit ihren Artgenossen Dick und Tom, die beide bald starben, wanderte Harry nach Australien aus und siedelte im botanischen Garten von Brisbane. Sie wurde von den Botanikern gehasst, weil sie sich mit Vorliebe an seltenen Gewächsen verging und umso mehr geliebt von den Kindern, die sie auf ihrem Rücken reiten ließ. Auch Harry blieb steril, aber erst 1960 machte sich ein Zoodirektor aus Hawaii die Mühe, das Vieh, das inzwischen so groß war wie ein Küchentisch, auf den Rücken zu drehen, damit es sich endlich seines Decknamens entledigte. Gegen Ende des Jahrtausends waren die Botaniker der Schildkröte überdrüssig geworden und verbannten sie in den berühmten Zoo jenes Herrn Irwin, der später im Tanz mit einem Stachelrochen ums Leben kommen sollte. Harriet verzog sich vor dem Lärm ihrer Vettern, der Krokodile, meist in ihren Tümpel im Schatten eines Blutholzbaumes und gefiel sich darin, wie ein Stein auszusehen. Dass ihr Vögel und Echsen auf den Panzer schissen, war ihr so lang wie breit – sie fühlte aber die Messernarben, beigebracht von denjenigen, die ihre Namen in die Rückenplatten geschnitzt hatten. Als im November 2005 Harriets 175. Geburtstag ausgedehnt begangen wurde, attestierten ihr die Zooveterinäre robusteste Gesundheit und prophezeiten mindestens zwei weitere Dekaden. Am folgenden 22. Juni erlitt Harriet eine Herzattacke und starb in der Nacht auf den 23.
Ordnung Testudinata, Unterordnung Cryptodira, Familie Testudinidae, Gattung Geochelone, Art: Geochelone nigra (Unterart porteri), Santa Cruz-Riesenschildkröte.
Lonesome George, erst 70 oder 80 Jahre alt, ist der letzte Überlebende seiner Art. Sein Panzer ist nicht fühllos, er besteht aus Rippen und sensibler Haut. Unbeweglich wärmt Lonesome George sich auf dem Lavagestein, als würde er fragen: wo ist mein Weibchen? Warum gehen die Schildkröten, beinahe hastig? Als würde er sich daran erinnern, dass er vor den Dinosauriern da war, so kaut Lonesome George an seinem Grashalm. Solange er ausharrt, nackenstarrig und unfruchtbar auf Galápagos, bleiben auch wir.
Mein Bruder und ich, mit unserer Reptilientraurigkeit, bleiben, solange wir nicht wissen, ob Karla atmet in einem orientalischen Garten und ob sie vielleicht auf der Bauchseite ein Karl oder ein Karlo ist. Solange Schildkröten zur See fahren, solange Segel im Wind erstarren, ist für uns kein Entrinnen.