Undine Materni, gedichte
Manchmal morgens bringt
der kleine Postbote Schätze ins Haus
Er zwinkert verstohlen und
wärmt an seiner Brust die
ach so schmal ist
ebenso kleine Pakete Er lächelt
kaum sichtbar Als wisse er
um das Geheimnis im gleichmütig
braunen Papier
Er schweigt das weiß ich
um mir zu gefallen
Und er hat Recht
Gemeinsam schicken wir
einen elektronischen Gruß
ins Universum
Unsichtbar umschlingen sich
unsere Namen als wären sie
für längere Aufenthalte bestimmt
Doch verschwindet
jeder von uns hinter der
anderen Seite der Tür
Und immer riecht es dabei
ein wenig nach Zimt
es ist ein irrtum
zu glauben in einem
gedicht könne man sich
ausruhen etwa den kopf behaglich
auf eine metapher legen es wäre
verdächtig sich an der mühe vorbei
zu schaukeln in grün oder
rosa als stände die zeit still
in einem gedicht an der
peripherie zur wirklichkeit
wie auch immer diese sich kleidet
um den morgen zu grüßen den mittag
die nacht in der die dinge ihre
namen verleugnen und doch nicht
verloren gehen im scheinbaren
stillstand während die uhren sich unbeirrt
weiter und weiter im kreis drehen es ist
ein irrtum zu glauben ein gedicht sei
so etwas wie ein schiff ein handhabbares
küchengerät ein blumentopf ein aschekasten
mantel handschuh runder hut irgendetwas
zum reintun ein ort ohne bewegung ein gefäß
das vielleicht ohne schweiß auskommt so
ist es nicht ein gedicht ist keine ansammlung
von vermutungen ein gedicht ist absicht ist
höhlung erhebung ist auslassung ist behauptung ist
flüssig und schartig ist süß (im schlimmsten fall) bitter
und abgründig lebendig freundlich zuweilen
und es kommt unerwartet entgegen
wie ein freund ein feind
an die tür ans fenster auf dem
gehsteig es ist wie die umarmung
eines fremden im stadion der handschlag eines
bettlers im tunnel die berührung der wange
durch eine frau dies ist kein kissen
kein schlag keine antwort
Garten. Weiß.
Auf Wiedersehn. Bis morgen. Bis zum nächsten Mal.
Wisława Szymborska
Wisława Szymborska
Aber es ist doch nicht so
dass alles verschwindet
wenn Schnee fällt
Die Dinge ändern nur ihre
Gestalt Werden weicher
und geben sich nicht mehr
so leicht zu erkennen.
Die Bäume zum Beispiel
sind nicht mehr nackt
sondern mit weißen
Eichhörnchen bekleidet
Mit Schneetauben Hasen
und diesem seltsamen Licht
welches das Auge um alle Farben
betrügt weil es sie verschlingt
in sein funkelndes Weiß So als
gäbe es immer ein erstes Mal
eine erste Berührung zum Beispiel
oder eine Form ohne Beschreibung
ein Wort ohne Nachklang
eine Gestalt ohne Namen
Aber es ist doch nicht so
wie ich schreibe Hinter den Worten
hockt immer noch eine andere
Wahrheit und krümmt sich
oder schwankt im gleißenden Licht
Denn der Schnee schmilzt irgendwann
Und im Weiß sind alle Farben zuhause
All colours will agree in the dark
ein belichtetes gedicht
I
dunkel wird es in der stadt
nie ganz
immer ist da noch eine
tagspur übrig wie ein rest
etwas wonach sich jetzt keiner
mehr unbedingt umdrehen muss weil
die temperatur von erwartungen
mit jeder minute absinkt jetzt
wagen sich die geisterbäume in die gezirkelte
landschaft winken mit der müdigkeit
von fremden deren atem voller
abenteuer ist die wiesen scheinen
wie seltsame wasser
rufen in wellenschlägen nach
empfindsamen sohlen jetzt
wäre selbst in der stadt etwas wie
stille möglich doch dunkel wird es
nie ganz und es ist immer ein rauschen
über den dingen die aggregate
summen zaubersprüche in die leeren straßen
streuen kühle lichtpartikel über die
entladerampen heben begrenzungen
aus dem grund vergolden
den mächtigen brückenpfeiler
es ist ein trauriges märchen
in diesem licht ohne mauersegler ohne trügerisches
rot ohne bordeaux all colours will agree in the dark
das klingt als würden sie einander
an den fingern fassen um sich der
landschaft zu bemächtigen sie zu trösten
diese landschaft die keine landschaft
mehr ist eher: ein gelände
ein gelände der abwesenheit eine
gigantische bühne ohne akteure über die der
rauch wie giftige zuckerwatte aus den essen
weht all colours will agree es wäre ein grau ein
silber vielleicht ein
unentschiedener ton voller ruhe
aber sie teilen sich in ein
bitteres grün ein hämisches violett ein frostiges
blau nur ab und zu gießt sich tröstliches
gelb wie honig zwischen die wände ein sog ein
augentunnel für die heimkehrer die in den
turmhäusern wohnen in denen man den satz
mit den katzen sagt wenn man das licht meint
oder die nacht diesen satz der die gegenwart
der tiere auf den straßen ebenso ausschließt wie
die möglichkeit von landschaften nachts
im gelände
II
in den turmhäusern warten akteure und
statisten auf ihren einsatz den morgens
die sonne gibt ein signal zur belebung
der szenerie: lumiere selas svet
svatlos feny svetloba luz light ales-resch svetlosti
licht lumen light lumiere svet selas feny …
dann schweigen auch die
blinkenden lichter das tränenauge der
kühltruhe das müde gesicht einer elektrischen
zahnbürste das tröstliche hell eines
verlassenen fensters der bildschirm
an dem ein dichter die spur
einer katze ins dunkel verfolgt …
all colours will agree in the dark
nachts sind die katzen grau die sich
nicht aus dem schatten wagen nachts
hat das wort licht
ein anderes gewicht nachts ist es
eine leistung ein produkt
ein schattenwort von gedämpftem klang
ein augenanker der das gelände
an der landschaft hält: selas alef-rech
svetlosti lumen luz svet light feny licht
sviesos lumiere selas …
ein mantel der die vergänglichkeit
der dinge zu verschweigen sucht
wie zimtbitteres lachen am grab
eines freundes dessen abwesenheit
in: spa_tien -
heft 4