Tobias Sommer, P.F.
Ich liege auf der Lauer, hätten wir früher gesagt, als wir noch Kinder waren und in den Bergen vor Sanaa Räuber und Gendarm spielten. Heute liege ich vor einem Fenster, in der letzten Etage eines Turmes, beobachte das Haus auf der anderen Straßenseite und zähle nicht mein Geld. Ich schäme mich für den Lohn, den ich für diesen Job bekomme. In meiner Heimat könnte man davon alles kaufen. Aber dort wo ich geboren wurde, gibt es keine Polizei und keine steuerfreien Nachtzuschläge.Ich werde mit einer Bewegung eine Verbindung ziehen. Diese Worte klingen in meinen Ohren, als Unterbrechung seiner monotonen Schlafgeräusche, morgens um 5.30 Uhr, unwirklich. Er spricht diesen Satz, im Halbschlaf, zusammenhangslos. Er wohnt alleine in seiner Drei-Zimmer-Wohnung und ahnt nicht, dass er einen Zuhörer hat, der seit einer Woche in einem winzigen Punkt unter seinem Bett auf Hinweise wartet. Bevor ich den Sinn greifen kann, setzen seine Schnarchlaute ein und vernichten jede Möglichkeit von Konzentration. Ich darf mich nicht ablenken lassen, befehle ich mir und drücke meine Nase zwischen die Linsen des Nachtsichtgerätes.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Person, die ich beobachten soll, Opfer oder Täter ist. Er ist schuldenfrei, ohne Vorstrafen und in den Niederlanden geboren. Den Ermordeten kannte ich nicht, was mich sehr verwunderte, als ich den Namen auf dem Berichtsbogen las. Ein Landsmann. In Holland leben viele Einwanderer aus dem Jemen, aber man kennt sich, dachte ich. Er wohnte seit zwanzig Jahren in einem Amsterdamer Vorort. Im Bericht des Prüfungsleiters der Mordkommission steht, dass der Verstorbene streng nach den Grundsätzen des Islams lebte. Was diese Grundsätze beinhalten, steht nicht in den Erläuterungen.
Ich schließe meine Augen, zähle die Stationen, die gleich folgen werden, sehe sie zwischen den Farbkreisen auf der Innenseite meiner Lider: Aufstehen, Dusche, Toilette, Kühlschrank, Toaster. Ich höre, wie Wasser auf seinen Körper fällt, von der Haut abprallt, um dann in den Fliesenfugen den Weg in die Kanalisation zu suchen. Ich streiche meine linke Wange, der Wasserdruck bricht ab, ich spüre meine dreckige Haut und warte auf das Geräusch der Rasierklingen. Langsame, perfekte Bewegungen. Das Messer gleitet über seine Bartstoppeln. Ich kann es hören und bin froh allein zu sein.
Meine Aufgabe ist es Parallelen aufzuzeigen, Gleichmäßigkeiten zwischen dem Opfer und ihm, dem möglichen Täter, der in seiner Wohnung vor meinen Füßen den Morgen beginnt. Das Opfer arbeitete als Küchengehilfe in einer Mensa, man sagt, er lebte nur für Kirche und Familie; und starb mit zweiundzwanzig Jahren. Der Mann, ein erfolgreicher Devisenhändler, der jetzt mit den Fingern durch sein nasses Haar streicht, könnte mich vielleicht erkennen, aber er blickt schon seit einer Woche nicht mehr aus dem Fenster. Er ist unverheiratet, hat das vierzigste Lebensjahr überschritten und in meinen Notizen habe ich erst ein Wort über ihn vermerkt: Alltagsroutine. Meine Augen wandern stündlich durch seine Räume, keine Fotos auf dem Nachtisch, nur ein Holzschiff als Aschenbecher, an den Wänden ein Plakat mit fetten Jahreszahlen statt Familienporträts.
Mein Mann verlässt seine Wohnung und fährt zügig über den Markplatz neben seiner Haustür. Die Morgensonne unterstreicht das Rot der kreisrunden Pflasterung. Er verschwindet zwischen den Häuserwänden, wie eine Ameise, von oben betrachtet. Der Himmel wird heute hellblau, bin ich mir sicher, und vertreibe mir die Zeit mit Filmzitaten, ohne das Bittere, wäre das Süße nicht so süß.
Während ich die Linie, die der Morgen auf die Dächer der Vorstadt wirft, verfolge, wird mir bewusst: Ich sitze in der höchsten Etage, dort, wo mich jeder Radarschirm als Erstes erfasst, dort, wo der Sturz am meisten schmerzt, dort, wo ich auch vor Feuer nicht sicher bin. Ein ungeklärter Mord kann eine Kettenreaktion erzeugen, sagte mein Vorgesetzter, wir wollen doch nicht, dass wieder Moscheen brennen oder Türme fallen; es klang wie eine Drohung. Die Zeitungen wählen ihre eigenen Täter. Der Verstorbene soll seine Frau geschlagen haben, lese ich in der heutigen Ausgabe. Ich schaue in die leeren Räume der gegenüberliegenden Wohnung, der Rauch ungezählter Zigaretten wird an den Möbeln kleben, die Asche hat das Segel erreicht, noch einen Tag und das Schiff wird kentern. Mit dem Kugelschreiber zwischen den Zähnen blättere ich um und suche. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt diffus eine Gestalt, den ausgetreckten Arm kann man nur erahnen, sein Gesicht erkenne ich zwischen den verschwommenen Kontrasten nicht. Dieses Bild erinnert mich an ein Triptychon, es zeigt eine deutsche Terroristin, eine Gegenüberstellung, in einer Zeit, als der Terror difinierbar war. Haben wir nichts gelernt, frage ich lautlos die Briefträgerin, die zu mir hinaufschaut und lächelt. Sie nickt und geht weiter. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie kennen muss, heutzutage kennt man nicht einmal seine Verwandten. Er war europäischer Staatsbürger, schreibe ich oben links auf die Titelseite, genau wie der Auslöser der Brände und die Terroristin, die in verwischten Ölfarben unsere Erinnerungen stärken soll, aber wer will sich schon erinnern.
Ich will mich erinnern und suche in den Jahren meiner Polizeiausbildung nach Beispielen. Wenn es ein familiärer Racheakt gewesen war, warum unterbricht er seinen Alltag nicht, zeigt nicht die geringste Gefühlsschwankung? Ich finde keine Andeutungen einer politischen Richtung in seinem Leben; sie würde die Vermutung, die mein Chef in seinem Auftrag indirekt formulierte, unterstreichen, den Verdacht, dass ein Holländer den Islamisten, der seine Schwester schlug, ermordete.
Sieben Tage ohne Hinweis.
0.05 Uhr, ich muss eingeschlafen sein. Ich schalte das Nachtsichtgerät ein, vergeblich suche ich die Hauswand nach seinem Fahrrad ab. Es dauert Minuten bis ich den Schein einer Taschenlampe entdecke. Der Lichtkegel wandert am äußersten Rand des Marktplatzes entlang, umrundet den Kreis aus roten Steinen, langsam, monoton, als sei dies sein Sonnensystem, bis der Kern erreicht ist. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint das Licht senkrecht in den Nachthimmel, bevor es, wie von Geisterhand befreit, erlischt. Der Grund, warum ich seit sieben Tagen hier liege, steht auf dem Marktplatz und wartet.
4.49 Uhr, ich hätte meinen Chef benachrichtigen müssen, seit nunmehr vier Stunden steht mein Mann regungslos dort. Der Beginn eines neuen Tages zeigt Konturen einer Gestalt, die ein Mörder sein könnte, die vielleicht in diesem Moment um Reue bittet. Ich erkenne nach Nahrung suchende Vögel. Durch einen Spalt zwischen Fenster und Wand höre ich ihr Glucksen. Der gesamte Platz bewegt sich, zu viele Vögel, sie scheinen plötzlich aus den Fugen der Pflasterung aufzutauchen. Ich fokussiere ein Tier. Es hackt mit dem dünnen Schnabel auf einer Brotkruste. Ich schwenke weiter, und sehe Semmelkrümmel, Croissantreste, auseinander gerupfte Brotlaiber. Ich nehme meinen Mann ins Fadenkreuz und warte auf ein Zucken seiner Gesichtsmuskeln,
ich werde mit einer Bewegung eine Verbindung ziehen, ein Gemälde baut sich in meinem Gedächtnis auf, ich zoome noch einmal in seine Wohnung, erkenne auf der Maserung des Holzschiffes zwei Buchstaben, Initialen. Ich drehe mich hastig zu meinem Täter, verbinde ungewollt das Bild seines Nachtisches mit dem Gemälde in meinem Kopf, ein Schiff in einem gelben Kornfeld, und höre Tierschreie. Eine Wand auf Federn steigt zum Himmel. Und zwischen allem: ein Schuss.
in: spa_tien -
heft 3