Tobias Sommer, Die Stadt vor Glas
Die Betonung der Worte ist kaum hörbar, sie dringt mit einer Monotonie auf mich ein wie die Wellen, die sich langsam dem Strand ergeben, kurz vor meinen Füßen ihre Kraft verlieren und sich ins Schwarz der Nacht zu einem erneuten Anlauf zurückziehen. Der Satz muss eine Bedeutung haben, da bin ich mir sicher, etwas Erklärendes. Ich stelle mir eine schneebedeckte, grenzenlose Ebene vor und eine bekannte Spur aus Fußabdrücken, die immer kleiner wird und sich mit dem letzten Rot der untergehenden Sonne verwischt. Der Wunsch, noch einmal Schritt für Schritt in diese Stapfen zu treten, entsteht unfreiwillig und ist, wie die Vorstellung am Meer zu sitzen, unbeschreiblich.
Er sitzt einfach neben ihr. Der unausgesprochene Satz gleitet aus meinem Vorstellungsvermögen und ich sehe in seinem Gesicht, dass ich alleine bin. Er ist nicht bereit ihr zu folgen, zieht an seiner Zigarette und lässt den Rauch vom Wind verteilen. Eine Frage könnte er stellen, etwas erwidern, sich gegen jede Art von Verlust wehren. Er tut es nicht, verdreht seine Augen, scheint für einen Moment in einer Ohnmacht zu schweben, bis er Bruchteile später in der gewohnten Arroganz sein Desinteresse demonstriert. Es war ihre Idee, den Streit an diesem Strand zu beenden. Worum es geht, kann ich nicht mehr sagen, vielleicht unsere gemeinsame Zukunft.
Es war eine Party in meiner neuen Stadt, in einem ehemaligem Nachbarland, wie man sie wohl als dreißigjähriger Single verachtet und trotzdem immer wieder besucht. Die Gäste der Pubertät noch sichtbar verfallen, Musik, die weit entfernt vom Ertragbaren liegt, in einer synthetikverdickten Luft. In ihrem Gesicht sah ich die anwidernde Enge, die auch in meinem Kopf ein gelangweiltes Gefühl erzeugte. Ein gelbliches Neonlicht teilte in rhythmischen Unterbrechungen ihren Körper in hundert Einzelteile, unterstrich Gesichtszüge, die eine Abwesenheit zeigten, die mir fremd erschien, vielleicht waren sie es, die mich aufmerksam machten, mich auf sie zusteuern ließen. Ich wartete auf eine Möglichkeit, mich der Dominanz, die in ihrem Auftreten, in jeder Geste spürbar war, entgegen zu stemmen. Es war aussichtslos, fast lächerlich. Mein linkes Bein, eine leblose Verbindung zum Boden, die ich seit einer Wende in meinem Leben hinter mir herziehe, zerstörte jedes Bemühen um Konkurrenzfähigkeit. Sie sah die Behinderung aus dem letzten Winkel ihrer halb geschlossenen Augen zwangsläufig durch die Art, wie ich mich bewegte. Dieses Erkennen, das sich im Grün ihrer Augen spiegelte, erzeugte einen Blick, herausfordernd, direkt in mein Gesicht. Die Lider waren plötzlich weit geöffnet, die strahlende Farbe setzte sich vom Schwarz um mich herum ab und wirkte auf eine angenehme Art bedrohlich.
Schweiß tropfte von der Decke, aus Musikboxen, die irgendwo im Hintergrund versteckt waren, drang eine weibliche, viel zu hohe Stimme in den Raum und füllte ihn mit Wünschen nach Freiheit und Sex; ich wollte schreien, die Einsamkeit gegen tausend Bässe werfen.
Die dünne Haut um ihre Wangenknochen zuckte, zeigte Anspannung. Durch subtile Bewegungen der Gesichtsmuskeln entstand meine Hoffnung, dass die stumme Bitte um eine Chance in ihren Gedanken noch vorhanden war. Sie schien nicht zu überlegen, lächelte und mit einer seitlichen Drehung deutete sie auf den Ausgang.
Die Wohnung war auf der letzten Etage, zwanzig Ebenen über der Stadt. Zwischen dunklen, kalten Wänden, die einen riesigen Raum begrenzten, vermisste ich die Schrägen eines Giebels und starrte durch eine Fensterwand, die einen Blick ermöglichte über Hochhäuser, Mauern mit greller Leuchtreklame, auf ein wirres Netz aus Straßen, in dem Menschen durch die Nacht gingen und einen rötlichen Horizont, der alles in eine seichte, melancholische Stimmung tauchte. Ich sah auf die zahlreichen Köpfe der Unbekannten und konnte mich nicht erinnern, dieses über alles hinausragende Gebäude jemals bemerkt zu haben; die Vorstellung, das Leben aus einem sicheren Abseits wahrzunehmen, distanziert Menschen in erreichbar und unerreichbar einzuteilen, unbeteiligt dem Alltag gegenüberzustehen, war mir nie vertraut und mit diesem kurzen Blick auf die Stadt, die ich noch nicht meine nannte, plötzlich erschreckend nah, fast verständlich.
Wenn ich je wusste, warum ich vor der Scheibe stand, wie ein Wartender mit dem Zeigefinger das Glas berührte, hatte ich es für Sekunden vergessen, bis ich ihren Atem im Nacken spürte. Unsere Körper berührten und wollten sich. Ich hatte den Eindruck, dass meine geringsten Handlungen von ihr gesteuert und trotzdem die Kontrolle des Spiels, dessen Regeln ich nicht verstehen wollte, in meine Hände gelegt wurden; ich ließ mich fallen und verspürte etwas Neues.
Ich wusste nicht, wie lange ich traumlos geschlafen hatte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit einer Wohnung, die nur aus einem Raum zu bestehen schien, gewöhnten. Es dauerte, bis ich die Stille als einen Verlust verstand. Ich lief hastig die Treppen hinunter. Erst auf der Straße, nachdem ich die einseitige Kälte an meinem rechten Bein spürte, wurde mir diese Kraftanstrengung bewusst. Meine Knöchel versanken in einer pulverförmigen Schneedecke, die das morgendliche Licht der Straßenlaternen spiegelte. Die makellose Oberfläche erschien unberührt, nur eine Fußspur. Ich folgte ihr mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn die Abdrücke nur von ihr stammen könnten. Sie saß auf der Rückenlehne einer Bank und sah mich mit einem hilflosen Blick an. Ihr linker Sweatshirtärmel wurde von einem Ledergürtel über dem Ellenbogen gehalten. Das Blau einer Ader setzte sich von ihrer blassen Haut ab und gab eine mögliche Antwort, die ich erst später verstand, nachdem ich ihn sah. Er sah bleich aus und sagte, dass ich angekommen sei. Ich begriff und drehte mich wortlos um, schlich zwischen plakativen Schönheitsidealen meinem Zuhause entgegen und erzeugte in dem Netz aus Wegen und Straßen, das mir auf einmal vertraut erschien, eine breite Schleifspur.
Um die Einsamkeit in einem erträglichen Rahmen zu halten, schweige ich. Der Satz haftet noch immer in meinen Gedanken und wird plötzlich, mit der diffusen Aussicht auf das Meer, einleuchtend. Er besteht aus dem Wunsch, dass sich alles ändert, und dem Glauben, dieses Ziel erreicht zu haben. Die Folgen nicht beachten müssen, hinter den Farben, die sich in einem Auge spiegeln können und in jeder Pore einer Haut, in dem Duft, der immer fremd sein wird, einen Sinn zu sehen, ist der Höhepunkt, der den entscheidenden Moment zeichnet. Auch wenn er nur einen Wimpernschlag dauert.