Swantje Lichtenstein, gedichte
das prismatische wölklein
gaia oder ich offenbare dich
willst die decke darüber ziehen
die schamteile hinterm berg
gehalten feige entblättern
sie diese schmuggelworte
wechselnde genrefragen
durchfahren die extremitäten
des tot geglaubten leibes
im tonischen wasserfall
vom ursprung der quelle
den fluss hinauf gespannt
zum darüber springen im
anstieg und hinüber treten:
schlüssellose verstimmung
vom bein hinauf zum kopf
es raschelt da und träumt
nah ist und wache auch
und wache die wache.
er könig der vögel vom einen zum anderen mittelpunkt
selbst du im delphischen nebel ist es schwammig und nass
und er nährt sich allein von diesen fleischigen ohren.
zwirbelnd aufwärts dreht er der flugbahn den rücken zu
rupft dem hühnchenkostüm die federn einzeln aus
versteckt beschönigt verlorene jahre im much ado.
sprießt pop aus dem gleichen boden wie die halme?
fragt er sich zittern und saugt den tau von den berberitzen,
die ungefragt ihm in den mund reichen und ihn süffig laben.
ein späher lugt über die begrünung eines sitzmauermöbels,
verteilt eingeweide an die katzen und die bezüngeln es rasch
hinterrücks geht er getroffen zu boden und fleht um pathos,
um ernst und schwere. sie brachte es am morgen, tranchierte
es erst und mir zu füßen wartete sie auf die dankgiebigkeit
bekam den schrei zum tage eins und ging leise von mir.
vogelfreie verpuppung
die beweinung des giornatos ein stückchenwerk
unverteidigter gott und eine gekreuzte apernschrift
finden sich in an den abhang geworfenen lichterflecken,
-städten am gepünkelten strand bespickt mit schirmen
an sandgefüllten wasseruhren jährt sich mein körper,
pumpend streife ich die haut unter das alte kleid
schraube mich die lange leine entlang zieh sie
rechtzeitig herunter einer kehrtwendung wegen.
dünennah am wasserrand ringle ich die ranken
meines windigen wissens mir ins gedächtnis.
im minutenland stichdicht blicke ich auf starre
handschuhe schwarz und weiß aufgespießt
am geländer eine finger-barrikade weist altes
ins neue ein: vogelfreie verpuppung im punjab.
druckluftpumpe
ab und zu lüften meine mohnworte den gedankendurchzug
und kicken an lauen sommerabenden jedwede idee ins eck,
ziehen um die häuser und landen brüche im brustknochen,
der schon sich aufs bein verlagert hat, monsieur éclat d’os.
es lehnen die wirbelstückchen mit klassizistischen säulen
sich uns zu, über die wahrheit streiten sich lug und trug:
wie viele schläge eine tracht wohl habe, wer denn atlas
die welt auf die schultern schüttete, warum die daumen
geschraubt werden und nicht genagelt oder gedübelt?
höhenkranker luftdruck und in den fenstern spiegeln sich
bergbürsten und herbstseen mit aufgestautem arachnoidem
gewebe und atemmüttern, deren blut obendrauf spritzt;
der auftrieb aus diesem hydrostatischen paradoxon:
die tiefe wirke, nicht die kraft in den elastischen körpern.
[* „vogelfreie verpuppung“ und „druckluftpumpe“ sind schon erschienen in swantje lichtenstein, figurenflecken oder: blinde verschickung, aachen: rimbaud verlag 2006]
in: spa_tien -
heft 4