Sudabeh Mohafez, Mit einem leichten Gurgeln
Ich kannte keinen von beiden und sie starben nicht am selben Tag.Ich war es, der dann aber am selben Tag von ihrer beider Tod erfuhr, weswegen sie auf eine eigentümliche Art in mir zusammengefunden haben, obwohl es zu ihren Lebzeiten bestenfalls Leute gab, die sowohl sie als auch mich kannten, wovon allerdings weder sie noch ich etwas wußten, so daß dieses posthume Zusammentreffen der beiden in meiner Person doch ein merkwürdiges, vielleicht in Zügen sogar befremdliches Ereignis darstellte.
Sie starben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, und sie hatten etwas gemeinsam: den Namen.
Als der Anruf kam, in dem man mir von Adolf Martens Tod berichtete - friedlich sei er gestorben, im Schlaf und nach einigen doch eher unruhigen Tagen und Nächten, mit einem fast glücklich zu nennenden Lächeln auf dem Gesicht - blieb ich an diesem Namen hängen. Ich hatte den alten Herrn, einen Großonkel meiner Mutter, noch nie gesehen, konnte mir also weder das fast glücklich zu nennende Lächeln, noch die eher unruhig verbrachte Zeit, die ihm vorangegangen war, so recht vorstellen. Was mich mit ihm verband, war nicht mehr oder vielleicht besser: nicht weniger als eine Geschichte.
Seinen Namen aber, den hatte ich nur Stunden zuvor bereits gehört, als Gebhardt anrief.
Daß Gebhardts Schwiegervater auch Adolf hieß, war in der Tat um einiges erstaunlicher, als es bei Adolf Mertens der Fall war, denn letzterer wurde bereits 1913 geboren, zu einer Zeit
also, als Adolf nicht viel mehr als ein beliebter Modename und kein weiter mit Schrecken verbundenes Wort war, wohingegen Gebhardts Adolf, oder genau genommen Lydias Adolf, denn er war ja Lydias Vater und vom Gebhardt nur der Schwiegervater, der also kam erst 1948 zur Welt und ist noch im selben Jahr auf eben diesen Namen getauft worden.
Den Anruf wegen des Großonkels erhielt ich lediglich, weil entfernte Verwandte auf der Suche nach meiner Mutter waren, um ihr von diesem Todesfall zu berichten. Sie war in Urlaub und also riefen sie mich an. Ich habe, nachdem das Gespräch beendet und angemessen viele Höflichkeiten ausgetauscht worden waren, noch eine Weile in Gedanken versunken am Fenster gestanden, denn, wie mir da erst bewußt wurde, war mit dem Adolfonkel auch die Geschichte, die von ihm handelte, zu Ende gegangen, und sie war, wenn auch still und entfernt, immer Teil meines Lebens gewesen.
Es war die Geschichte vom strahlenden, tapferen, kriegsversehrten und, das war das in steter Regelmäßigkeit wiederauftauchende Wort, blutjungen Assessor Adolf, der schon 1940 einbeinig von einer nie genauer bezeichneten Front ins heimatliche Schleswig-Holstein zurückgekehrt war und dort beim Landrat die Stelle eines Sekretärs angenommen hatte, nur um kurze Zeit später, ich glaube, es muß so gegen zweiundvierzig gewesen sein, als der Landrat starb, dessen Posten zu übernehmen. Der Höhepunkt der Geschichte ist immer der ausführlich geschilderte Familienstolz darüber gewesen, daß der Onkel Adolf nie der Partei beigetreten sei. Wie es ihm gelingen konnte, sich mit den Herrschenden sowohl vor, als schließlich auch nach Kriegsende gut zu stellen, so daß er bis weit in die siebziger Jahre hinein sein Amt noch innehatte, darüber habe ich nie ein Wort vernommen, selbst nicht, als ich, aufmüpfig in meinen frühen Zwanzigern, kritische Fragen zu stellen begann. Und nun war also der Onkel Adolf, der nie in der Partei gewesen war, der nur ein Bein hatte, das eine, das ihm der Franzose oder der Russe, wer weiß das schon so genau, zum Glück nicht auch noch weggeschossen hatte, der Großonkel Adolf, der klug war, der sieben Kinder gezeugt hatte und viel Gutes für Schleswig-Holstein getan hat zu Lebzeiten, der war nun also tot und hatte seine Geschichte mit ins Grab genommen. Vorm Fenster dunkelten die Wolken ein und ich wußte nichts anzufangen mit mir, mit dieser zu Ende gegangenen Geschichte und auch mit dem ganzen restlichen Abend dann nichts mehr.
Bei Gebhardts respektive Lydias Adolf standen die Dinge anders, denn zum einen war dieser Adolf am Suff und nicht am Alter gestorben, auch wenn niemand das so deutlich sagte, jedenfalls nicht gleich, zum anderen war er ja gerade erst achtundfünfzig Jahre alt oder besser: jung gewesen und eigentlich war das alles ein großes Trauerspiel.
Daß ich diesen Anruf bekam, war weit naheliegender, weil Gebhardt und ich nicht nur zusammen arbeiten, wir angeln auch gemeinsam und das schon seit Jahren. Gebhardt ist ein stiller Zeitgenosse, einer dem es leichter fällt, mit einem Lächeln im Augenwinkel etwas zu sagen, als Worte für etwas zu finden, das ihn bewegt. Es kann geschehen, daß er während eines ganzen gemeinsam am Hölzernen See bei Neubrück verbrachten Wochenendes nicht viel mehr als guten Morgen, gute Nacht und ein paar Mal guten Appetit sagt.
Gebhardts brummige Stimme drängte sich förmlich durchs Telefon. Er war aufgewühlt, so viel stand fest, denn er stieß pausenlos Worte aus. „Er ist tot“, sagte er zum Beispiel, „der Adolf ist tot.“ Dann sagte er es wieder, wandelte es ab, nahm eine Kurve und kam wieder zurück: „Der Adolf ist tot.“ Ich fragte nach Lydia. Sie stehe neben ihm, könne nicht sprechen, sei noch ganz benommen, sie hätten es gerade erst erfahren. Adolfs Mutter, die er nie kennengelernt habe, die in einer Villa in Zehlendorf lebte, abgeschottet, von Dienern versorgt, „als lebten wir noch in feudalen Zeiten“, sagte er gepreßt, Adolfs Mutter habe angerufen, habe gesagt, er sei bei ihr zu Besuch gewesen, hätte beim Anblick eines alten Fotos plötzlich keine Luft mehr bekommen, hätte sich an den Hals, dann ans Herz gegriffen und sei umgefallen. Tot.
Zwei Wochen später saßen wir wieder am Hölzernen See, Gebhardt und ich. Der Tag war still, ein paar Mücken summten in der Nähe, ab und an, stiegen Luftblasen aus dem schwarzblauem Wasser an die Oberfläche, der Himmel schimmerte warm und grau.
„Sein Vater hat in Polen gearbeitet“, sagte Gebhardt plötzlich und nickte mehrmals dabei, als hätte ihm jemand widersprochen, als müsse er sich selbst bestätigen.
„Sein Vater?“, ich hatte keine Ahnung von wem er sprach.
„Adolfs Vater.“
„Was hat er denn gemacht in Polen?“
Mit geübten Bewegungen spießte Gebhardt einen Wurm auf den Haken, holte aus und schleuderte die nahezu unsichtbare Schnur aufs Wasser hinaus.
„Adolfs Sauferei…“, Gebhardt sah mich plötzlich an, schloß den Mund, warf den Blick wieder auf den See hinaus. „Den Schnaps hat er wegen seines Vaters gebraucht. Bis vierundvierzig hat der in Polen gearbeitet, von neununddreißig an. Danach ist er wieder Internist gewesen, hier in Berlin.“
Wir haben einen guten Fang gemacht an dem Abend und nicht mehr gesprochen. Nur die Flasche Schnaps, die Gebhardt, der sonst keinen Tropfen Alkohol trinkt, mitgebracht hatte, die haben wir leer gemacht zusammen. Dann hat er sie weit auf den See hinaus geworfen. Im Mondlicht schaukelnd, blinzelte uns das gläserne Ding kurz zu, dann versank es, plötzlich und mit einem leichten Gurgeln, im Wasser und die Welt um uns war wieder still.
in: spa_tien -
heft 3