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Roland Steiner, Fingerkraut, golden

D. T., als Feuerwehrmann tadellos, selbstvergessen und ludophob, half auch mir beim Übersiedeln verwandtschaftlicher Bürde. Freiwillige verabscheue er, nicht nur, weil sie nach der Zahl ihrer letzten Einsätze mit Glace’ entlohnt würden, sie dämpften bloß Narben, während er alles lösche. Sein profanerer Bruder L. hatte ihn vermittelt. Er tauchte weithin sichtbar vor dem Haus für 307 Durchreisende in dem von einer anderen Lebenshilfe geliehenen Kastenwagen auf. Wie er auch den Kranwagen seiner Feuerwehr selbst lenkte, an Ort und Stelle salutierte, bereits Devastiertes aufbrach, Glosendes radierte, ein Ende setzte, wieder salutierte mit seinem trotz Falten kindlichen Gesicht, den Einsatzwagen zurückbrachte und dorthin ging zu Fuß, wo auch einer wie er hausen musste: es hieß, am oberirdischen Ufer eines Erzbergwerkes. Sein profaner Bruder wusste es nicht, weil er selbst entweder vagabundierte, hier und da Speisen und Getränke auftischte oder verliebt war, ständig offener Arme, während D. T. ein Singular in unbekannter Wabe blieb. Trotz angespannter, der Erdkrümmung ähnlicher Eisenmuskeln, umfasste er meine in Rabattenerde verkrallten Oleander sanft, Agaven und Sukkulenten, lebenden Steine und Kakteen in Sand, um sie fort zu schaffen, lebend. Unbemäntelt, beinahe transparent siedelte er die Gewächse über und stellte sie anderswo vor meine vollendeten Tatsachen: ein Haus mit raren Bewohnern. Die alte Potentilla aber fehlte. L. schleppte Bett, Mobiliar und rotes Leder, ohne dabei übermenschlich zu werden oder hernach delirant zu opponieren. Vor den angrenzenden Wettlokalen säuselten und zischten die Kommissioniere, feixten die alten Drogentrojaner, im Sportklub neben dem Hauseingang stand Rauch über matt fleckigen Kartenspielerhänden, davor lag ein aufgespießter Schwanz eines halbabgezogenen Fuchses, nirgendwo loderten gelbe Blüten: Die Potentilla blieb verschwunden. D. T. fuhr seine Hände ein. Ich wollte ihn bezahlen oder zumindest einladen. Dann wäre ich Nekros, und du Phil, antwortete er breit grinsend unter seinen Falten wie Strichcodes, stieg in den Lebenshilfe-Wagen und war dahin. Gemeinsame Sache zu machen mit D. T. schien unmöglich, legte sich jedoch jäh in meine Vorstellungswelt, spitz und wund.

In jener ersten Nacht im neuen Zuhause – über einem Brückenkopf war ein Waffenstillstandsabkommen besiegelt worden – lag ich auf dem bereits wieder zusammengebauten Bett und schrieb, den Blick ob humanoider Einsamkeit immer wieder auf die irgendwie angesengte Decke und zu den neuen, ans Fenster gelehnten Margeritenstöcken hindrehend, den ersten Brief an ihn. Hör auf, in meinen Vorstellungen ein Kind zu sein oder eine enge Höhle im Staub, schrieb ich und kam kaum weiter. Und da niemand wusste, wo er hauste, stellte ich am nächsten Tag den Brief in einem braunen Kuvert mit seinem kargen Namen beschriftet in meinen eigenen Postkasten, in der Hoffnung, einer der dutzenden Aushilfskräfte würde ihn kennen. Der Brief blieb, bald an die Fachrückseite tapeziert kleben, bedrängt von Werbung und Drucksachen loser Worte.
Die Tage wurden kühler, die unkuvertierten Briefe intensiver, die Beine geschwollen, meine Augen abgetakelt. Ich sinnierte über Zweckverbindungen arbeitsteiliger Struktur vs. verpflichtende Arbeitsteilung, mein Dasein gestaltete sich spiegelbildlich, bald klandestin selbst im Schlafwandeln. Eine neue Front war zu eröffnen.
Wie die Kampagnenreiter mit digitalen Schnellfeuerwaffen und Fotomädchen im Köcher allerorten sich kurz wie Schnittblumen einstellen, künstliche Nacktheit in angezogene, gewandte Natur pflanzend als leere Raserei, ehe sie wieder überschlafen werden: Das sah ich noch, alles andere war gefangen in einer intimen Beziehung zu einer fehlenden Potentilla und wütenden, dürrer werdenden Sätzen ohne Briefkopf. Die Zimmerpflanzen strickten an Sachen, die ich nicht anziehen wollte, das wenige Mobiliar versteckten, die ich auftrennen und zu dicken Kniestrümpfen umändern werde, fieberte ich. Die nahen Anstaltsgebäude wurden teils bunt gestriegelt, teils geraubt, Bläue fiel ab und Säuren dem Rande anheim. D. T. zu einer schmerzwütenden Fehlkonstante.
Ich fand L. an einem Weinbrunnen. Im Schatten von Kastanien, im selben Schatten, schien mir, wo ich meine Wohnung telefonisch aufgespürt (und in ähnlichem Schattenwerk D. T. zwecks Übersiedelung bezogen) hatte. ‚Gesund oder Krank’ hieß ein Spiel, welches die narkoseverwöhnten Kinnladenbeutel am Nachbartisch spielten. Raben oder Krähen oder Dohlen oder stolze Amseln hackten in Luft und am Kiesboden nach nahrungsaffiner Pathologie. L. war, Braten, Kochfleisch und Humpen balancierend, in seinem Element, stolz, redselig hier, doch auf meine Adressenbitte D. T. betreffend hin schweigsam. Immerhin erklärte er mir, als es gegen 23 Uhr ging, dass jede, auch nur Bezirkszentrale der Feuerwehr keine privaten Anrufe, geschweige denn Briefe durchstellte, Zivilpersonen keinen Zutritt hätten, auch er nicht.
In der Schnellbahn fuhr ich nachhause als wankender Geist. Meinen bloß Kargheit und Sonne abnötigenden Pflanzen zu Trotz hörte ich auf 90 Dezibel ein Gewitter Volksmusik der Vojvodina und des Banat. Spätherbstmonster zischten durch mein sogenanntes Wohnzimmer, die neue Front, und Türen und Fenster balzten um endliche Zuwendung, die Decken unten wie unbewohnt oben grölten: Verloren, den; Potentilla, die.

Jäh in der Frühe Blitze durch organischen Pelz: Meine Arbeitsmarktanalysen lägen schief, der Kontrakt werde ausgesetzt. Die tapezierten Briefe ohne Adressenteilhaber, Schluss hin ohne Absender, harrten wie kleine Huren in einer brandbeständigen Metallschatulle den Briefkasten ausfüllend. Und die blütenkonkurrenzlosen Hartgewächse lachten hohl.
D. T., Vater, Großvater, schrieb ich, Du Mutter, schrieb ich, hör auf, in Verstellung mein Kind zu sein, Staubhöhle, Monster, schrie ich außer jeder Norm, Finger, Finger, Kraut, du... als ich die Rauchsäule sah, nicht weit von hier, aus dem Schlund eines Wolkenkratzers loderten gelbe Blüten, und ehe ich den Verstand verlor, den beleckten Köter –

- Rückenwirbelverletzung ... offenbar schlafwandelnd geprellt worden ... Gras federte den Sturz ab ... erinnern kann er sich an den Vorfall, den Fall nicht ... jedenfalls das Fenster eines Kindes geöffnet, hinausgeklettert aus den Eltern und dann abgestürzt ... das Feuer wurde bis zum Garaus stabilisiert ... die Bergung des Versengten war schwierig ... Nekros und Phil, die Eltern des Kindes trafen –

D. T., als ich die Etagen eines Wolkenkratzers zählen wollte, von außen, von oben

in: spa_tien - heft 3