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Regine Mönkemeier, Sein Haus

Eines Tages wirst du in mein Haus kommen, ich werde dir alles zeigen, die Bilder, die glänzenden Wände, das ganze Innere. Dann, wenn die Zeit gekommen ist und du nicht mehr warten kannst, wenn du dich einrichten willst, zwischen allen Ebenen, in einem Haus ohne Maß, ohne Keller, ohne Verstecke.
Er hatte es auf einem Spaziergang gesagt, auf der Anhöhe, wo der rote Ahorn roter noch leuchtete neben den weißen Armen der Windräder. Seine Worte, fast beiläufig erwähnt, erschienen ihr zunächst wie eine seiner überraschenden Ideen, doch waren sie auch zwingend und von einer Ernsthaftigkeit, die in ihr den Wunsch eingrub, schon dort zu sein.
Das Kreisen der Windflügel, der Möwenschrei, sie war bereits eingeschlossen in den Kreis, der seinen Umfang immer wieder änderte, die Farbe, den Schmerz, die Anzahl der Zugänge.
Sie hatte ihn erst kürzlich kennengelernt und fühlte sich ihm auf unerklärliche Weise verbunden, ihm, dem Fremden, der so selbstverständlich von ihren Gedanken Besitz ergriffen hatte. Sie folgte nicht ihren Wünschen, verschloß sich der Wirklichkeit, wagte jeder Vorhersage entgegen, einen nutzlosen Anfang und war dadurch von neuer Kraft durchstrahlt, so daß sie auf den Gebrauch von Arzneien gänzlich verzichten konnte.
Sein Haus lag hinter dem roten Ahorn, wie konnte sie es bisher nicht bemerkt haben. Sie betrat es durch eine Kassettenholztür, wie sie in dieser Gegend am Anfang des vorherigen Jahrhunderts üblich war. Nie hatte sie an ein bürgerlich anmutendes Haus gedacht, mehr an das Bild, das sie sich in jenen Stunden zusammengesetzt, in denen sie ihn herbeigesehnt und es erbaut hatte aus der Erinnerung an sein Lachen.
Gleichwohl war sie gänzlich unvorbereitet, alles in dem Haus war ungewöhnlich, die Wände aus Glas, aus einem Glas, in dem sie sich nicht spiegeln konnte, sie war plötzlich ohne Gesicht, ohne Stimme und ihre Augen, blauweißen Perlen gleich, lagen auf einem schmalen Tisch, der wie alle Schränke und Stühle ebenfalls aus Glas bestand.

Sie legte die Augen in ihre Hände, hielt sie vorsichtig an ihren Körper, was sie erregte, denn sie konnte plötzlich in sich hineinsehen, in alle Kammern, die waren fast leer.
Er befand sich nicht in dem großen Raum, nicht in den angrenzenden, sie wartete geduldig, sie suchte ihn nicht - auch kein verbotenes Zimmer.
Sie nahm Töne wahr, die sie bislang nicht gehört hatte, Töne, außerhalb von Form und Rhythmus, Töne, die die Wände mit gebrochenem Licht erfüllten.
Später begann sie, ihn zu rufen, konnte aber nicht feststellen, ob sie hörbar war, denn der fremde Klang ließ alles um sie herum Ton werden. Sie glaubte, über die Wiese zu laufen, die sie aus Erinnerungen so gut kannte, und sie freute sich über den Duft von Rotklee.
Müdigkeit erfaßte sie und versetzte sie in einen Zustand erwartungsfroher Ruhe. Ohne ihn erblicken zu können, wußte sie, daß er anwesend war. Sie legte sich auf den Boden aus Glas, und glaubte zu spüren, ihm nah zu sein.
Ihre Augen, die ihr nicht mehr so fremd erschienen, hielt sie unverwandt mit ihren Händen umfangen und begann verwundert durch alle Geschosse des Hauses zu sehen. Alle Räume waren einander ähnlich, es waren plötzlich so viele, vielleicht sogar Tausende von Glasschachteln in unterschiedlichen Größen, doch gleicher Ausstattung, und das Blau des Glases strahlte die Wärme aus, die sie von seinem Körper kannte.
Als er dann ins Zimmer trat, wußte sie, warum er nie mit ihr essen wollte, und in seinem Haus der tausend Räume gab es auch keine einzige Küche, kein einziges Bett, was sie nicht mehr beunruhigte. Sie begann, durch sich hindurchzusehen und wunderte sich über ein Lachen, das da war, als sie sich selbst nicht mehr berühren konnte.


in: spa_tien - heft 3