Markus A. Hediger, Killologie
"... ist die Wissenschaft vom Töten. Den Namen gab ihr Dave Grossmann, ehemaliger Militärhistoriker und Psychologieprofessor an der Militärakademie in West Point.Ziel seiner Untersuchung, die von der US-Armee in Auftrag gegeben wurde, war es, die Effizienz, bzw. Tötungsrate von Soldaten zu steigern. Er stellte fest, dass Soldaten große Hemmungen haben, Menschen zu töten: "Die Soldaten sind bereit zu sterben, sie sind bereit, sich für ihre Nation zu opfern, aber sie sind offenkundig nicht ohne Weiteres bereit zu töten."
[…]
Forscher verschiedener Länder, darunter amerikanische, russische und chinesische, forschen daher an der Verbesserung von Soldaten in der Weise, dass sie gegen solches Mitleid, aber auch gegen andere Gefühle wie Schmerz oder Müdigkeit immun werden. Lag der Anteil von Soldaten, die auf einen ungeschützen Feind schossen, im amerikanischen Bürgerkrieg noch bei 15 bis 20%, wurde der Anteil […] im Koreakrieg auf 50% und im Vietnamkrieg auf 90% erhöht."
[Quelle: Wikipedia]
1
Das Fieber kündigte sich schon am Morgen, bei der ersten Tasse Kaffee, an. Die Augen lagen schwer in den Augenhöhlen, die Gelenke schmerzten. Jeder andere hätte angesichts der bevorstehenden Aufgabe dieses Fieber verflucht, aber für ihn gehörte es so selbstverständlich zur Routine wie die übrigen Vorbereitungsarbeiten. Es hatte sogar etwas Beruhigendes, mit welcher Verlässlichkeit der Körper auf seine konzentrierte Anspannung reagierte. Auch wenn die erhöhten Temperaturen seinen Körper schwächten und somit eine gesteigerte Konzentration verlangten, so signalisierte es ihm doch, dass alles in vorgesehenen Bahnen verlief. Er trank aus, ging auf sein Zimmer und packte das Notwendigste ein.
Eine halbe Stunde dauerte die Fahrt zum verlassenen Haus. Zufrieden stellte er fest, dass alles – wie vereinbart – für ihn vorbereitet war. Inzwischen war das Fieber weiter gestiegen. Geschwächt und halb benommen zwang er sich, das mitgebrachte Brötchen zu essen. Dann sank er ins frisch bezogene Bett und schlief augenblicklich ein.
Er erwachte, und es war später Nachmittag. Durch die Lamellen hoher Fenster fiel letztes, weiches Tageslicht. Er blickte auf die Uhr, blieb noch einen Moment liegen. Böse Träume hatten seinen Schlaf geplagt. Mit einer unwirschen Kopfbewegung schüttelte er sie von sich ab. Sie hatten nichts zu bedeuten.
Der Schlaf hatte das Fieber nicht zu senken vermocht – im Gegenteil. Jeder Herzschlag verursachte Schmerzen in seinen Schläfen, der Puls pochte bis in die Augen. Noch war kein Anlass zu Sorge.
Das Fieber war besonders schlimm, wenn er das Opfer kannte.
Zur Sicherheit nahm er zwei Aspirintabletten. Dann war es Zeit, sich in Position zu begeben. Er postierte sich hinter einem Fenster mit eingeschlagener Scheibe. Von hier aus bot sich ihm ein unverstellter Blick auf das weiträumige Gelände unter ihm: auf Zufahrtsstrasse, Tor, Auffahrt, Garten, Haustür. Er würde alle Zeit der Welt haben, um das Opfer ins Visier zu nehmen. Zwei schnell nacheinander abgegebene Schüsse und die Arbeit wäre getan.
Unterdessen setzte die Wirkung der Medizin ein, der Druck in den Augen nahm ab, die Gegenstände in seiner Umgebung traten trotz Dämmerlicht gestochen scharf hervor.
Noch ein Blick auf die Uhr. Er würde rechtzeitig für jenen tiefen guten Schlaf, der den Stunden vor Tagesanbruch vorbehalten war, wieder zu Hause sein.
2
Wer ihn als Halbwüchsigen von 13 Jahren gekannt hatte, hätte ihn heute, kaum 15 Jahre später, nicht wiedererkannt. Das bubenhafte Aussehen hatte er sich zwar erhalten, aber die Gelassenheit, mit der er heute im Morgenmantel kurz das Haus verliess, um sich am Kiosk an der Ecke die druckfrische Zeitung zu holen, und die Selbstgewissheit, mit der er bei einem ausgiebigen Frühstück das Blatt überflog und sie schliesslich wendete, um seine Aufmerksamkeit ganz der letzten Seite zu widmen, standen in zu krassem Gegensatz zu jenem Jungen, den die Fahrradklingel des herannahenden Zeitungsjungen in panische Angst versetzt hatte.
Der Junge hätte die Zeitung ja nicht lesen, er hätte – wenn der Vater sie neben sich auf den Tisch mit der letzten Seite nach oben legte – keinen Blick darauf werfen müssen. Aber die Fotografien der Mordopfer vergangener Nacht in Schwarzweiss zogen seinen Blick magisch an. Der Anziehungskraft lebloser Köpfe in Nahaufnahme hatte er nichts entgegenzusetzen. So sehr ihr Anblick ihn auch schreckte, jeden Morgen sprangen seine Augen unweigerlich zu den Wattebällchen in den Nasenlöchern, zum ums Kinn gebundene Tuch, zu den halboffenen toten Augen, zum blutverschmierten Gesicht. Diese Bilder begleiteten ihn dann den ganzen Tag, gewannen an Kraft und Schrecken und nachts, wenn er sich schlafen legte, schoben sie sich in seine schweissnassen Träume. Weshalb bemerkte der Vater nichts vom Leiden seines Sohnes? Anzeichen gab es ja genug: das exzessive Zittern zum Beispiel, wenn sie auf dem Weg zur Schule zufällig an einem blutigen Unfall vorbeikamen oder ihr Weg in die Bank durch eine mit schwarzem Plastik bedeckte Leiche versperrt war. Der Grossvater, der einige Tage zu Besuch war, merkte schon beim ersten gemeinsamen Frühstück, was mit dem Jungen nicht stimmte.
Der alte Mann nahm seinen Enkel mit in die städtische Leichenhalle. Wie zu erwarten übergab sich der Junge beim Anblick der ersten Leiche. Der Grossvater stützte den Jungen, wartete geduldig, bis das Würgen abebbte und der Magen sich beruhigte. Dann führte er ihn an eine Bahre, schlug das Tuch zurück und sagte: Die Toten schrecken uns nur, weil sie uns Menschen so ähnlich sehen.
Jetzt glitt sein Blick ruhig über die Fotos auf der letzten Seite. Wenn er ein Gesicht erkannte, informierte er sich im Text darunter über den Stand der Ermittlungen. Mord im Affekt, Mord aus Eifersucht, Mord aus Neid. Wenn er solches las, wusste er, dass er – wieder einmal – gute Arbeit geleistet hatte.
3
Tote unter Toten.
Wenn er während den Vorbereitungsarbeiten mit Menschen zu tun hatte, interagierte er nicht mit Lebewesen. Menschen waren Material. Es war Teil des Terrains, das er erkundete, er benötigte es, um Informationen über die Zielperson zu beschaffen oder benutzte es, um Spuren zu verwischen. Dummes, unwissendes Material. Wenn er am Lauf seiner Waffe entlang schaute und sein Opfer ins Visier nahm, sah er keinen Menschen. Was da als nichts ahnende Animation hinter dem Fadenkreuz aufschien, war schon tot, noch bevor er einen Schuss abgab. Ein bewegtes Ziel, nicht mehr.
Das Schlüsselerlebnis dazu: Er sass im Auto, ein heftiger Regen fiel und verwandelte die Strasse in einen schlammigen Fluss. Ohne Lust, klatschnass nach Hause zu kommen, wartete er darauf, dass der Regen etwas nachliess, um dann die wenigen Schritte in den Supermarkt hinüber zu eilen und einige Besorgungen für seine Frau zu machen. Plötzlich stolperten zwei Männer aus einer nahen Bar. Auf dem rutschigen Untergrund fanden die Betrunkenen kaum Halt, immer wieder verloren sie das Gleichgewicht. Es dauerte eine Weile, bis dem Zuschauer im Auto klar wurde, dass die beiden Männer miteinander kämpften. Durch den dichten Regenschleier hindurch waren die Messer kaum zu erkennen. Leicht befremdet schaute er dem traurigen Spektakel zu, das immer mehr Menschen an Fenster und Türen der umliegenden Gebäude lockte. So unbeholfen die beiden den gegenseitigen Angriffen ausweichen, bringen die sich noch um, dachte er. Vielleicht lag es am Regen, am lauten Prasseln der Regentropfen auf dem Autodach, das die Schreie und Rufe auf der Strasse übertönte, dass eine künstliche Distanz zwischen dem Zuschauer im Auto und den beiden Kämpfern entstand. Unaufgeregt beobachtete er den Kampf, lehnte sich im Sitz zurück und schaute gelassen zu, wie ein Toter mit einem Toten rang.
Von diesem Tag an erledigte er seine Arbeit mit jener kühlen Abgeklärtheit, die ihm bald den Respekt seiner Kollegen einbrachte. Er wandelte unter Toten, kümmerte sich herzlich wenig um das Blut, das er vergoss, und liess die Toten ihre Toten begraben.
Natürlich wusste er, dass auch er ein Toter unter Toten war, dass auch er sich nur vorübergehend über die Erde erhob; dass dies auch für seine Frau und seine Tochter, die er über alles liebte, galt. Er küsste sie, hob sie auf den Arm, umarmte sie. Wenn er zuhause war, versuchte er, nicht an seine Arbeit zu denken.
4
Den Schuss aus der Ferne: Diesen hatte er sich angewöhnt und zu seinem Markenzeichen gemacht. Dies, nachdem er – als Unbeteiligter – zwischen die Fronten zweier sich bekriegender Drogenbanden geraten war. Er hatte sich hinter den Verkaufstresen einer Bäckerei geworfen und das Ende des Schusswechsels abgewartet. Ein Querschläger traf einen weiteren Kunden und verletzte diesen schwer. Immer auf die eigene Sicherheit bedacht, hatte er sich um den Verletzten gekümmert und dabei war ihm der Geruch des Blutes in die Nase gestiegen. Wer Blut schon einmal gerochen hat, weiss, dass es stinkt. Vor allem an drückend schwülen Tagen ist der süssliche Geruch kaum zu ertragen. Wer schon mal in den Tropen war, kennt diesen speziellen Duft. Er ist überall. Die üppige Natur fault und spriesst aus ihrer Fäulnis. An faulendes Fleisch: Genau daran hatte ihn der Blutgeruch erinnert. An zwei Tage altes, ungekühltes Fleisch vom Metzger um die Ecke. Als trüge Blut die Keime eigener Fäulnis bereits in sich.
Seither ging er dem Tod aus dem Weg und mied die Nähe seiner Opfer.
Der Schuss aus der Ferne galt als unehrenhaft. Was ein echter Mann war, stellte sich seinem Feind von Angesicht zu Angesicht. Aber was kümmerte ihn das? Er kannte seine Opfer nicht, sie kannten ihn nicht, niemand – ausser einigen wenigen, die ein berechtigtes Interesse an seinem Handwerk hatten – wusste, dass er derjenige mit dem feigen Finger am Abzug war.
Aber jetzt sah er sich plötzlich mit einer gänzlich anderen Situation konfrontiert. Der Liebhaber seiner Frau hatte ihn zum Gespött der ganzen Stadt gemacht, man lachte über ihn und verhöhnte seinen Namen. Es gab nur einen Weg, seine Ehre wieder herzustellen. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag die sorgfältig gearbeitete und verzierte Schatulle. Darin, auf rotem Samt, die beiden Dolche.
Der wöchentliche Markt war in vollem Gang, die halbe Stadt traf sich da zwischen Gewürz- und Gemüseständen und zerriss sich das Maul über ihn. Bald würde er sein Haus verlassen und die Menschenmenge würde sich zu einer Gasse öffnen, an deren Ende jener wartete, dem er die ihm bevorstehende Drecksarbeit verdankte. Dass er ihn gehörnt hatte, konnte er ihm verzeihen. Wozu er ihn dadurch zwang, jedoch nicht.
Nur widerwillig hob er eines der Messer heraus und fuhr mit dem Finger über die polierte Klinge.
0
Der Tod ist etwas Schreckliches. Darüber waren wir uns schnell einig.
Dann sprachen wir über unsere Träume. Nicht ein einziges Mal fiel das Wort Unsterblichkeit. Nur zögernd rückte ich mit der Wahrheit heraus.
"Manchmal träume ich davon, Auftragskiller zu sein."
"Ein Kinoheld?"
"Wie ein Kinoheld. Aber nicht auf der Leinwand. Sondern wirklich. Wenn ich nachts nicht schlafen kann", sagte ich, "stelle ich mich vor, wie ich eine Jugendliebe aus den Fängen der Mafia befreie. Oder den verhassten Kollegen aus dem Büro über den Haufen schiesse. Gelegentlich kommt es vor, dass meine Phantasien in regelrechten Gewaltorgien enden."
"Solche Gedankenspiele haben einen beruhigenden Effekt auf den ruhelosen Geist", meinte er zustimmend. Er liess das Magazin aus dem Pistolengriff springen, schob es wieder hinein.
"Weshalb eigentlich?"
"Was weiss ich."
"Wenn ich von einer Karriere als Killer träume – ich meine, was mich an diesem Beruf wirklich lockt", versuchte ich ihm zu erklären, "ist die Fähigkeit des Killers, das Opfer mit ruhiger Hand ins Visier zu nehmen und ohne zu zögern abzudrücken. Als liesse der Tod ihn unberührt."
"Als ob die Fähigkeit, sich vom Tod unbeeindruckt zu zeigen, auch das Leben erträglicher machte, ja. Wenn mich das Schicksal des anderen nicht bewegt", – so drückte er es aus – "bewegt mich auch mein eigenes nicht."
"Das wird es sein", nickte ich.
Nachdenklich schüttelte er den Kopf. "Haben Sie je davon geträumt, nicht der Killer, sondern das Opfer zu sein?" fragte er, hob die Pistole an meinen Kopf und drückte den Lauf der Waffe ruhig aber bestimmt gegen meine Stirn. Dann lachte er.
in: spa_tien -
heft 4