Kerstin Becker, Lillith
Ihre Kehle schmerzte, sie schluckte, doch ihr Mund blieb voll davon. Eisen. Ein Geschmack, der von ihrer langsam rostenden Innenhaut rührte. Sie kratzte mit ihren Nägeln über die Zunge und trank den Espresso in einem Zug. Lauwarm, wie sie diese Nachlässigkeit hasste. Zahlen! Die Kellnerin nahm das Geld mit einem Illustriertenlächeln, murmelte irgend etwas, hob die Brauen. Geschminkt wie ein Vamp, dachte Lillith und fixierte sie mit dem Blick, der die Vergehen der Menschen an die Oberfläche treibt.
Auf dem Kanal schwamm ein Schwanenpaar wie angeleint hinter dem Raddampfer her. Aus den Lautsprechern monotone Litaneien, Predigten aus Jahreszahlen, gefiltert, Gläserklingen, Gesang. Lillith keuchte, die Luft hier zerstach ihre Bronchien, sie hustete, hielt sich fest am Geländer, das den Lauf des öligen Wassers säumte. Sie wischte mit ihrem Ärmel über die Stirn und betrachtete den Pullover. Das Muster, verblichener Mohn. Wie aus Flaschen Sachen gesponnen werden, die festen, endlosen Fäden. Was wird aus ihm? Dem synthetischen Ding?
Azad ging vorbei an der Hand einer Frau mit aufgewühltem Gesicht. Er füttert sie mit melancholischen Liedern und der Wind darin, die Kinder, die kleine Hunde unter Tamarisken an sich drücken, wird der Klebstoff sein, der ihr Geschlecht an seines presst, dachte Lillith, für eine Nacht oder weniges mehr. Vielleicht war es nicht Azad, ein anderer, der nur so tat, ihm glich. Ach all die Dinge, die nicht wahr sind, aber genau so gut wahr sein könnten.
Die U - Bahn eine nie müde Schlange, sie frisst, sie verdaut, scheidet aus. Die Bahnhöfe riesige Futtertröge.
Lillith streichelte die Schmierereien auf dem Fenster. Wer wen liebt oder hasst, ficken will, Führer oder Anarchie.
Sie sah hinter jedem Buchstaben die jungen Hände, roch das Adrenalin. Beim Aussteigen schossen silberne Bäuche wie Fischleiber über ihren Kopf, zum Greifen nah, Tauben, Ratten der Luft hatte mal einer gesagt und ausgespuckt, den sie dann nicht mehr mochte. Ein Seelsorger hatte sich nachdenklich auf sie gelegt: lass mich dich erkennen, während die kahlen Äste einer Kastanie ans Fenster schlugen und das Dorf bis zum Hals im Nebel versank. Dem Musiker tropfte Chili aus den Augen, wenn er seine Zunge nach dem letzten Akkord in sie schob. Der Architekt flüsterte unentwegt auf sie ein und ein Junge nach seiner Lossprechung hatte, bevor er seine biegsamen Hände zwischen ihre Schenkel legte, ein Feuer entzündet, lange gesungen, es wieder gelöscht. Einer war über sie hergefallen, reglos standen ihr damals Schreie im Hals, die Angst hatte aus ihren Händen keine Fäuste geformt, verwirrt kratzte sie an seiner Haut, die nicht zu bluten anfing. Der Geruch seiner Spucke verseuchte manchmal ihre Träume.
Heftig pulsierendes Blau und ein Stimmteppich, gedämpfter als sonst, zog sie an. Rücken beugten sich nervös über eine unsichtbare Mitte auf der Straße. Absperrungen, Stethoskope, Anweisungen. Männer zogen mit konzentrierten Bewegungen einen Körper aus deformiertem Blech. Der Kopf war befreit, der Rumpf, Lillith wusste, jetzt kam es auf den Moment an. Sie war eine gute Hebamme. Neugeborene auf bebende Busen legen, einhüllen, festhalten, wenn Dr. Dan sie mit Schläuchen, mit Injektionen versah. Im Gesicht des Geborgenen klaffte ein offener Mund.
Er erinnerte sie an die geplante Totgeburt im Juni vor sechs Jahren. Sie hatten mit der Prozedur eines Abbruches im sechsten Monat begonnen, doch das Kleine wollte und wollte nicht sterben, Kaliumchlorid, rief jemand, es zappelte, schlüpfte mit mongolischem Nomadengesicht aus seiner Jurte, der Vagina. Die Ärzte flüsterten bleich: und jetzt? Die Mutter hatte heiße Augen, Dr. Dan drückte ganz fest das Stengelchen Hals zu, die versiegenden Atemzüge dufteten nach Mutterkuchen.
Ihre Schritte bekamen einen unregelmäßigen Klang. Die Nacht lieh den Dächern ihren schweren Mantel. Sterne begannen Spiralen zu drehen. Van Gogh musste die Augen genau so zusammen gekniffen haben und sein Herz war ein blinder Tänzer. Über hundert Jahre her rasend wie ihres. Den Himmel durchschauen nannte sie das, Farbe in Tupfen zerlegen, auf dünnem Eis tanzen, Wege über das aufgewühlte Bild werfen. Lillith wollte: Ich schmelze! rufen, doch sie schluckte den Impuls wie ein zu großes Stück Fleisch. Es lag ihr im Magen, um das Gefühl zu betäuben oder aus Hunger, entschied sie sich für Falafel im Gehen.
Sie kaute und dachte es fehlt etwas - Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden, flehte das Banner einer Kirche - vielleicht Koriander. Sie verschwand in dem Terracottenbau und versank am Altar
in dem seltsam verdrehten Blick des Babys, in Marias Gesicht, befühlte die abgewetzten Bänke und Bücher voll träger, tränenverschmierter Melodien. Es roch nach Staub und Stein.
Sie suchen etwas, fragte eine auf Einfühlung dressierte Stimme. Der Pfarrer reichte seine Hand nach unten. Mein Gott was ich für ein Bild abgebe hier auf dem Boden, sagte Lillith und: Ja, ich finde es nicht.
Auf dem Kanal schwamm ein Schwanenpaar wie angeleint hinter dem Raddampfer her. Aus den Lautsprechern monotone Litaneien, Predigten aus Jahreszahlen, gefiltert, Gläserklingen, Gesang. Lillith keuchte, die Luft hier zerstach ihre Bronchien, sie hustete, hielt sich fest am Geländer, das den Lauf des öligen Wassers säumte. Sie wischte mit ihrem Ärmel über die Stirn und betrachtete den Pullover. Das Muster, verblichener Mohn. Wie aus Flaschen Sachen gesponnen werden, die festen, endlosen Fäden. Was wird aus ihm? Dem synthetischen Ding?
Azad ging vorbei an der Hand einer Frau mit aufgewühltem Gesicht. Er füttert sie mit melancholischen Liedern und der Wind darin, die Kinder, die kleine Hunde unter Tamarisken an sich drücken, wird der Klebstoff sein, der ihr Geschlecht an seines presst, dachte Lillith, für eine Nacht oder weniges mehr. Vielleicht war es nicht Azad, ein anderer, der nur so tat, ihm glich. Ach all die Dinge, die nicht wahr sind, aber genau so gut wahr sein könnten.
Die U - Bahn eine nie müde Schlange, sie frisst, sie verdaut, scheidet aus. Die Bahnhöfe riesige Futtertröge.
Lillith streichelte die Schmierereien auf dem Fenster. Wer wen liebt oder hasst, ficken will, Führer oder Anarchie.
Sie sah hinter jedem Buchstaben die jungen Hände, roch das Adrenalin. Beim Aussteigen schossen silberne Bäuche wie Fischleiber über ihren Kopf, zum Greifen nah, Tauben, Ratten der Luft hatte mal einer gesagt und ausgespuckt, den sie dann nicht mehr mochte. Ein Seelsorger hatte sich nachdenklich auf sie gelegt: lass mich dich erkennen, während die kahlen Äste einer Kastanie ans Fenster schlugen und das Dorf bis zum Hals im Nebel versank. Dem Musiker tropfte Chili aus den Augen, wenn er seine Zunge nach dem letzten Akkord in sie schob. Der Architekt flüsterte unentwegt auf sie ein und ein Junge nach seiner Lossprechung hatte, bevor er seine biegsamen Hände zwischen ihre Schenkel legte, ein Feuer entzündet, lange gesungen, es wieder gelöscht. Einer war über sie hergefallen, reglos standen ihr damals Schreie im Hals, die Angst hatte aus ihren Händen keine Fäuste geformt, verwirrt kratzte sie an seiner Haut, die nicht zu bluten anfing. Der Geruch seiner Spucke verseuchte manchmal ihre Träume.
Heftig pulsierendes Blau und ein Stimmteppich, gedämpfter als sonst, zog sie an. Rücken beugten sich nervös über eine unsichtbare Mitte auf der Straße. Absperrungen, Stethoskope, Anweisungen. Männer zogen mit konzentrierten Bewegungen einen Körper aus deformiertem Blech. Der Kopf war befreit, der Rumpf, Lillith wusste, jetzt kam es auf den Moment an. Sie war eine gute Hebamme. Neugeborene auf bebende Busen legen, einhüllen, festhalten, wenn Dr. Dan sie mit Schläuchen, mit Injektionen versah. Im Gesicht des Geborgenen klaffte ein offener Mund.
Er erinnerte sie an die geplante Totgeburt im Juni vor sechs Jahren. Sie hatten mit der Prozedur eines Abbruches im sechsten Monat begonnen, doch das Kleine wollte und wollte nicht sterben, Kaliumchlorid, rief jemand, es zappelte, schlüpfte mit mongolischem Nomadengesicht aus seiner Jurte, der Vagina. Die Ärzte flüsterten bleich: und jetzt? Die Mutter hatte heiße Augen, Dr. Dan drückte ganz fest das Stengelchen Hals zu, die versiegenden Atemzüge dufteten nach Mutterkuchen.
Ihre Schritte bekamen einen unregelmäßigen Klang. Die Nacht lieh den Dächern ihren schweren Mantel. Sterne begannen Spiralen zu drehen. Van Gogh musste die Augen genau so zusammen gekniffen haben und sein Herz war ein blinder Tänzer. Über hundert Jahre her rasend wie ihres. Den Himmel durchschauen nannte sie das, Farbe in Tupfen zerlegen, auf dünnem Eis tanzen, Wege über das aufgewühlte Bild werfen. Lillith wollte: Ich schmelze! rufen, doch sie schluckte den Impuls wie ein zu großes Stück Fleisch. Es lag ihr im Magen, um das Gefühl zu betäuben oder aus Hunger, entschied sie sich für Falafel im Gehen.
Sie kaute und dachte es fehlt etwas - Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden, flehte das Banner einer Kirche - vielleicht Koriander. Sie verschwand in dem Terracottenbau und versank am Altar
in dem seltsam verdrehten Blick des Babys, in Marias Gesicht, befühlte die abgewetzten Bänke und Bücher voll träger, tränenverschmierter Melodien. Es roch nach Staub und Stein.
Sie suchen etwas, fragte eine auf Einfühlung dressierte Stimme. Der Pfarrer reichte seine Hand nach unten. Mein Gott was ich für ein Bild abgebe hier auf dem Boden, sagte Lillith und: Ja, ich finde es nicht.
in: spa_tien -
heft 4