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Katharina Bendixen, Fremdverursachte Fortbewegung als kleinstädtische Lebensphilosophie (Auszug)

Ich wurde in den siebziger Jahren in das winzige, farblose und auszumalende Haus mitten in eine Straßenbahnexistenz hineingeboren. Zehn Jahre vor meiner Geburt hatte man in dem Städtchen um das Haus herum begonnen, Haltestellen und Linienführungen zu planen, Schienen zu bauen und Straßen zu verbreitern, als würde es bis ans Ende aller Tage nur noch eines geben: fremdverursachte Fortbewegung. Ich wuchs in der kleinsten Stadt auf, die eine Straßenbahn besaß, und meine Eltern waren Straßenbahnfahrer von ihrer Jugend an. Mein Vater hatte sogar im Planungskomitee ein beratendes Stimmrecht gehabt. Er wurde nach seiner Meinung über Haltestellenhäuschengestaltung und Liniennummern gefragt, die er zu leise kundtat, als dass sie angehört worden wäre. In unserer Stadt gab es vier Linien, die jeweils aller zwanzig Minuten fuhren. Nicht einmal einen zentralen Umsteigepunkt gab es, weil unsere Stadt kein Zentrum besaß, in dem alle Routen hätten zusammenlaufen können, es gab lediglich drei Schulen und zehn Supermärkte.

Bei uns zu Hause wurde nicht nur im Beruflichen, sondern auch im Privaten fremdverursachte Fortbewegung groß geschrieben. Als ich klein, zog mich mein Vater auf einem Handwagen oder einem Schlitten hinter sich her. Ein Fahrrad bekam ich nie, dafür schenkte mir mein Vater, schon als ich fünfzehn war, die Dienstkleidung eines Straßenbahnfahrers und ein Moped, mit dem ich laut knatternd den Rasen meiner Mutter zerstörte, bis sich die Nachbarn beschwerten. Später fuhr ich damit am Wochenende Runden um unser Viertel, aber ich durfte mit dem Moped nur die Ziele anvisieren, die mit einer Straßenbahn nicht erreichbar waren, und davon gab es im Städtchen nicht viele.

Schon als Baby saß ich auf dem Schoß meines Vaters im Führerhäuschen der Linie vierzehn oder sechzehn – auch bei der logischen Linienbezeichnung eins, zwei, drei, vier hatte mein Vater sich nicht durchsetzen können, man nannte die Linien lieber weltmännisch fünf, elf, vierzehn und sechzehn, als gäbe es noch unzählige weitere Strecken – und bekam meinen Babybrei an den Haltestellen portionsweise eingeflößt. Das war natürlich verboten, aber ich war klein genug, dass mein Vater mich in gefährlichen Situationen zwischen Feuerlöscher und seinem Sitz verbergen konnte. Ich war ein stilles Kind, das nur sehr selten schrie, meistens saß ich einfach auf den Knien meines Vaters und schaute nach draußen. Wenn ich doch einmal zum Weinen ansetzte, steckte mir mein Vater sein Taschentuch in den Mund. Nach und nach übernahm ich die Bedienung der verschiedenen Knöpfe und Hebel, indem mein Vater meine kleinen Finger im richtigen Moment auf die Tasten drückte und sich darüber freute, wie erfolgversprechend ich sein Erbe schon im Kindesalter antrat. Einmal brach er mir einen Finger, als er ihn zu stark auf einen Knopf drückte, der klemmte und sich nicht richtig bewegen ließ. Selbst da schrie ich nicht, mein Vater nahm nur die merkwürdige Krümmung des Fingers wahr, die ihn beunruhigte, aber nicht davon abhielt, meine anderen neun Finger bis zum Feierabend zu benutzen, und am nächsten Tag musste meine Mutter frei nehmen, um mich als Fahrgast mit der Straßenbahn zum Kinderarzt zu bringen. Sie wollte meinem Vater verbieten, mich weiterhin als Ausüberin seiner Fahrerpflichten zu benutzen, aber er sagte ihr, dass er ohne mich nicht fahren könne. Ich war vier Jahre alt und stolz, dass ich für die Arbeit meines Vaters unentbehrlich war. Einen Kindergarten besuchte ich nie, weil ich den ganzen Tag auf dem Schoß meines Vaters saß, und hatte mein Vater einen Tag frei, hockte ich im Wohnzimmer zwischen Sessel und Fernseher und spielte mit einer Modellstraßenbahn, während mein Vater sich Aufnahmen von alten Straßenbahnen in einem Album oder auf Videokassette ansah. Ich liebte diese ruhigen Tage ohne Quietschen und Kurven, an denen sich meine Finger und mein Vater erholen konnten.

Als Mitarbeiter der städtischen Verkehrsbetriebe hatten meine Eltern und ihre Angehörigen freie Fahrt auf allen Linien bis an die Endhaltestellen am Stadtrand. An den Tagen, an denen meine Eltern beide frei hatten, was sehr selten vorkam, fuhren wir mit der Straßenbahn kostenlos an den Rand der Stadt und machten dort in der Nähe des Ortsausgangsschild ein Picknick mit Obst und Kürbiskernbrötchen. Wenn es regnete, aßen wir die Vorräte auf dem Weg von einer zur anderen Endhaltestelle langsam kauend und alle Blicke ignorierend auf, und am Abend wusch meine Mutter das Geschirr und mein Vater das Auto, das in der Garage stand und kaum benutzt wurde. Es gab selten Anlässe, die Stadt zu verlassen oder innerhalb der Stadt zu einem Ort zu fahren, der nicht in der Nähe einer Haltestelle lag.

Der Tag, an dem ich in die Schule kam, war für meinen Vater und für mich schwer zu ertragen, während meine Mutter sich freute, dass die verbotenen Fahrten auf den Knien meines Vaters endlich ein Ende fanden. Ich hatte selten einen Blick aus dem Führerhäuschen in den Fahrgastraum geworfen, und zum ersten Mal sah ich, dass es viele andere Kinder gab, die zwei Zöpfe gebunden hatten oder hässliche Wollpullover trugen, die ihre Omas für sie gestrickt hatten. Ich war nicht schüchtern, aber ich sah auch keinen Grund, mit den anderen Kindern zu reden. Die Lehrerin war jung und spielte manchmal vor unseren Augen mit Tieren, die sie aus Socken gebastelt hatte und deren Namen die ersten Wörter waren, die wir schreiben konnte: Mo und Ma. Bis ich das Wort Straßenbahn buchstabieren konnte, verging ein ganzes Jahr, in dem ich am Nachmittag so lange mit der Straßenbahn hin und her fuhr, bis ich meinen Vater gefunden hatte und mich auf seinem Schoß verkriechen konnte. Langsam erlaubte er mir auch, Gas und Bremse zu bedienen, und an einem Nachmittag am Ende der ersten Klasse absolvierte ich meine erste Straßenbahnfahrt, die ich ohne seine Anweisungen alleine steuerte. Zur Belohnung fuhren wir am Wochenende mit dem Auto fünfzig Kilometer auf der Autobahn hin und zurück, um am Abend festzustellen, dass Straßenbahnfahren viel ruhiger und fortschrittlicher, weil individueller war.

In der Grundschule fanden es alle Kinder grandios, dass meine Eltern Straßenbahnfahrer waren. Sie hatten es erst herausgefunden, als wir einen Aufsatz über den Beruf von Vater und Mutter schreiben mussten, und ich hatte zwei vollkommen identische Texte geschrieben, in denen ich nur die Pronomen austauschen musste. Berufe wie Lokführer, Feuerwehrwagen- oder Straßenbahnfahrer waren in der Grundschule sehr beliebt, die fremdverursachte Fortbewegung war für Kinder ein Mysterium, das mit einer ganzen Tafel Schokolade gleichgesetzt wurde. Alle Kinder freuten sich über den Beruf meiner Eltern und wollten in den Pausen immer mehr über meine Eltern und die Straßenbahnen wissen. Ich lernte abends im Bett alle Linienführungen mit den Abfahrtszeiten sämtlicher Haltestellen auswendig, um meinen Klassenkameraden zu beweisen, dass Straßenbahnfahren mehr war als ein Beruf: eine Leidenschaft, ein dauernder süßer Traum. Mit hochrotem Kopf dachte ich mir nachts unter der Decke aufregende oder lustige Ereignisse aus, die meinen Eltern in ihrem Alltag schon zugestoßen waren und die ich den Kindern lässig und innerlich zitternd erzählte, bevor ich nach Schulschluss Einladungen zu Treffen auf Spielplätzen oder in Kinderzimmer ausschlug, weil ich in das Führerhäuschens meines Vaters flüchten wollte.

Als ich auf das Gymnasium kam, zu dem ich jeden Morgen mit zwei Straßenbahnen mit einem Mal umsteigen in einer verwinkelten Gasse gelangte, wurden die Berufswünsche uneinheitlicher, und ich wurde langsam zu groß, um auf dem Schoß meines Vaters heimlich die Straßenbahn zu lenken. Trotzdem fuhr ich jeden Nachmittag mit ihm, ich saß auf einem Platz, von dem aus ich ihm an den Haltestellen zublinzeln konnte, und erledigte nebenbei meine Hausaufgaben. An den Endhaltestellen sprang ich zum Kiosk und kaufte meinem Vater eine Cola oder einen Schokoriegel von meinem Taschengeld, und abends steckte er mir heimlich den doppelten Betrag dessen zu, was ich für ihn ausgegeben hatte. Zu der Zeit übernahm meine Mutter zahlreiche Zusatzschichten und war kaum noch zu Hause. Im Sommer flog sie von dem Geld, das sie verdient hatte, für drei Wochen in den Süden, während mein Vater und ich Straßenbahnexkursionen unternahmen und an besonderen Tagen mit dem Auto in die nächstgrößere Stadt fuhren, in der mich die Vielfalt der Linien und die Größe der Straßenbahnwagen und Haltestellen zugleich erregten und traurig machten, denn ich fühlte mich von den Auswahlmöglichkeiten und auch vom Erwerb und der Entwertung der Fahrkarten überfordert. In der Schule verwirrte es mich immer mehr, dass so viele meiner Mitschüler Lehrer, Schauspieler oder Innenarchitekt werden wollten und bereits planten, nach der Schule in eine große Stadt zu ziehen und dort anzufangen zu rauchen. Mir hatte der Besuch in der großen Stadt genügt, ich wollte zu Hause bleiben und dort mit den vier Straßenbahnen jeden Tag hin- und herfahren und meinem Vater zunicken, wenn er mir entgegenkam, so wie es alle Straßenbahnfahrer des Städtchens taten.

In der zehnten Klasse hatte ich eine Phase von zwei Monaten, in denen es mir peinlich war, mich als die Tochter zweier Straßenbahnfahrer erkennen zu geben. Wenn ich an der Haltestelle stand, versteckte ich mich hinter den Werbeplakaten und stieg nur in die Straßenbahn, nachdem ich geschaut hatte, dass mein Vater sie nicht lenkte. Wenn ich meinen Vater doch einmal sah, nickte ich ihm zögernd zu, als wäre ich über jede verwandtschaftliche Beziehung erhaben. In der Schule hatte ich in der Pause jemand über Intellektuellen- und Arbeiterschicht sprechen hören, und alle hatten zugestimmt, dass wir als Gymnasiasten die Zugehörigkeit zur Intellektuellenschicht anstrebten., um mit der Kraft unseres Geistes die Weiterentwicklung der postmodernen Gesellschaft voranzutreiben. Ich hatte mich plötzlich minderwertig gefühlt, und meine Eltern begannen, mir leid zu tun. Nach zwei Monaten aber wurde mir bewusst, mit welchem Elan mein Vater jeden Morgen seine Dienstkleidung anzog und mit seiner kleinen Tasche, in der nur ein Portmonee und eine Brotbüchse war, in die Straßenbahn einstieg, und ich vergaß alle Bedenken wieder. Ich brach die Schule nach der zehnten Klasse ab und begann eine Ausbildung zum Straßenbahnfahrer. Während meiner Ausbildung kündigte meine Mutter ihren Job und zog aus, sie wohnte nun in einer Wohnung in der verwinkelten Gasse, in der ich auf dem Weg zur Schule immer hatte umsteigen müssen, und manchmal sahen mein Vater und ich sie mit einem Fahrrad an unserem Haus vorbeifahren, als wollte sie uns verhöhnen.


in: spa_tien - heft 2