Johannes Witek, Kurzone
Nachts, wenn die Felder weit
waren und Sommer
hörten wir die Grillen
aber man hört die Viecher immer bloß
schon mal versucht
eine zu fangen?
Der Ferdl hatte die Bierbänke
aus der Garage geholt
und den Elektrogriller angeworfen
wir führten lange Gespräche
nur der Gust nicht,
weil der hatte Leberwerte
wie ein Sechzigjähriger.
Der schockierte dafür die Weiber
indem er Weberknechte aus
den Ecken fischte,
einen Tropfen Ketchup drauf
und runter damit.
Wir hatten ein Kofferradio zwischen
selbstgetöpferten Aschenbechern
und immer Zeit
für zwei Atemzüge.
Die Nachbarn waren vorhanden
aber nicht mehr
und die Grillen
hörte man die ganze Zeit.
Hätten wir Kühe in der Nähe gehabt
wären wir Kuhumschmeißen gegangen
(die schlafen im Stehen – Ein Mythos mehr)
aber so haben wir halt
nur nie eine Grille erwischt
nicht eine.
In den Kellertürritzen jüngerer Brüder
lagen manchmal welche aber
die waren schon tot:
Ihre Körper waren klein und schwarz
und zerbröselten, wenn man
sie berührte.
Irgendwann hörten sie sich
auch anders an,
das Summen wurde leiser
bis zu dem Punkt
an dem es praktisch
nicht mehr vorhanden war
und einem irgendwie immer näher ging
nach der Arbeit
bei Kopfweh und
verkohlten Tierkadaverstücken,
während Rasenmäher Rost ansetzten,
plötzliche Niederschläge Friedhofszubehör
in die Seen schwemmten und der Ferdl seine Alte
von hinten mausen durfte, weil er endlich Geburtstag hatte
Als es Sommer war
und Nacht
und die Felder weit
konnten wir also
die ganze Zeit über
keine lebende Grille finden
obwohl wir es versucht haben
wieder und wieder
und wieder
-- Wovon die Welt,
da waren wir
uns einig,
nicht unterging
aber halt auch
nicht unbedingt auf.
Das harte, einsame Krampamperlbrennen der Seele
Durch das Fallen der Blätter
Durch das Hupen der Autos
Durch die Schritte der Passanten
Durch den Zigarettenrauch von Kindern auf Spielplätzen
Durch den Kopfschmuck des Indianers, der auf der Verkehrsinsel wohnt
Durch die getippten Anwürfe der Edelketzer
Durch die gesteppten Vorhänge deiner Mutter
Durch irreguläre Verben mit germanischem Initialakzent
Durch das Geräusch gekauter Fingernägel
Durch die Wetterprognose im Radio
Durch im Schritt festklebende Unterhosen
Durch Malakofftortenschnitten
Durch Christian Dopplers Geburtshaus
Durch deine Angst
Durch deine Wahrheit
Trotz aller Vorsätze
Trotz aller Versuche
Trotz aller Seen des Salzkammerguts
Trotz aller vorgeschützten Unscheinbarkeit
Trotz Gebeten
Trotz aller Monde
Trotz sämtlicher Schwüre unter ihnen:
Kann dir so einer
gefährlich nahe kommen,
interessiert,
ob du Interesse hättest
und ehe du dich versiehst,
hast du schon seinen Flyer
in der Hand,
mit der Frage:
„Wissen Sie, wo Ihre Seele ist?“
Und du,
du winkst fahrig ab,
läufst nach Hause,
besorgt,
reißt die Tür auf …
Wenigstens einen Zettel
hat sie hinterlassen,
auf der Anrichte:
„Bin beim Ferdl, im Anbau,
Krampamperlbrennen“, steht da.
„Komme heute eher nicht mehr heim!“