Helge Streit, WIE GEHT ES IHNEN? MIR GEHT ES GUT.
Briefe an den Tod1. Brief
Betreff: Terminvereinbarung
Schreiben Sie:
Sehr geehrter Herr Tod blablabla,
betreffs Ihres Ersuchens um einen Termin, sehe ich mich außerstande – nein, das ist falsch, ganz falsch, sehe ich mich gezwungen, auch nicht, niemand zwingt mich, habe ich Ihnen mitzuteilen, dass zur Zeit mein Terminkalender, schreiben Sie, zur Zeit leider kein Termin für Sie frei gemacht werden kann Punkt! Geben Sie mir eine Zigarette! - Beistrich, da ich gerade in einer wichtigen Umstrukturierungsphase meines Unternehmens stecke. Nein, ich stecke nirgends, ich reagiere vollkommen frei, autonom! Mich befinde. Schreiben Sie: mich befinde und ich auch aus privaten Gründen, die mir im einzelnen anzuführen die Zeit fehlt - Geben Sie mir eine Zigarette - Ach, ich habe doch schon Ha! Ha! Wo war ich? - Ach, ja, auch aus privaten Gründen nicht möchte zur Zeit auf Ihr Ersuchen um einen dringlichen Termin - ah, zu entsprechen.
Hochachtungsvoll blabla.
Drucken Sie das aus, ich unterschreibe es dann!
2. Brief
Wer also? Hoffmann oder doch Peters. Ich bin ihnen in die Quere gekommen. Ich bin schon vielen in die Quere gekommen in meinem Leben. Meistens war ich dann der, der zuletzt gelacht hat. Diesmal also ist es anders? That’s life. Du siehst, ich nehme es sportlich. Es ist Hoffmann, stimmt‘s? Gefährlicher Bursche, ich wusste es immer. Aber Angst hab ich nie gekannt. 31 nur. Ganz schön hart. Oder doch Peters? Du schickst doch nicht irgendeinen besoffenen Autofahrer? Das wäre nicht fair. Ich habe dir genug Anlässe gegeben, mich auf anständige Weise zu holen. Und ich beklage mich nicht. Dürfte dir auch nicht oft passieren in deinem Job. Meinetwegen kann’s auch dieser Dr. Richard sein, du weißt schon, dieser meschugge Zahnarzt. Obwohl ich es dem gar nicht zutraue. Aber manche Männer sehen rot, wenn man es mit ihren Frauen hat. Du siehst, an Auswahl mangelt es wahrlich nicht. Nur lass es bitte nicht irgendein besoffener Autofahrer sein!
3. Brief
Lieber Tod,
wo warst du neulich? Mutti hat heute geweint. „Warum muss ich das noch erleben?“, hat sie immer wieder gesagt. Ich kann ja alles hören, nur ich selbst kann mich nicht verständlich machen. Der Arzt hat Mutti gesagt, dass mein Zustand sehr kritisch ist. Vielleicht kommst du ja noch heute Abend. Ich warte auf dich.
Deine Julia
4. Brief
Hi!
Hab gehört, du suchst mich. Naja, ich bin jetzt wenig zuhause. Kannst dir ja schon denken, wieso. Mensch, mich hat es erwischt! So eine wie die Dani findest du nur einmal in deinem Leben. Du siehst, du kommst mal wieder ungelegen. Hör zu, ich habe nachgedacht und ein bisschen gerechnet. Du hast mich ja ohnedies eine Ewigkeit. Wenn du davon ein paar Jahre abziehst, verlierst du gar nichts. Es bleibt ja deswegen immer noch die Ewigkeit. Aber mir wäre mit ein paar Jahren sehr geholfen, gerade jetzt, sagen wir fünf Jahre, oder meinetwegen auch nur drei. Das mit der Liebe hält ohnedies nicht lang. Aber du, das Telefon klingelt. Bestimmt ist das Dani. Also, ich muss Schluss machen. Versprich mir, dass du es dir noch einmal durch den Kopf gehen lässt.
So long! Rick
5. Brief
Das Beste hast du dir ohnedies schon genommen, die Kindheit und die Jugend. Damals habe ich keine Sekunde daran gedacht, sie festzuhalten. Glaubst du allen Ernstes, dass ich mich jetzt noch an die paar armseligen Jahre klammere?
Fast schon zur Gänze deine
Paula
6. Brief
Sehr geehrter Herr!
Wenn Sie mich weiterhin belästigen, wende ich mich an meinen Rechtsanwalt. Der Herr Dr. Möwig ist Ihnen ja hoffentlich ein Begriff! Ich verklage Sie auf Hausfriedensbruch! Nehmen Sie bitte endlich zur Kenntnis, dass ich gesund bin! Kümmern Sie sich gefälligst um die, die verdienen, dass sie das Zeitliche segnen. Meine Gemahlin ist 74, raucht seit frühester Jugend wie ein Schlot und lebt auch sonst ungesund. Ist das etwa, was Sie unter Gerechtigkeit verstehen?!
Ich hoffe, Sie lassen sich das eine Warnung sein.
Hochachtungsvoll
Dr. W. R. Braunfels
Anbei:
Ärztliches Attest
7. Brief
Dann machen wir uns eine Gaudi, wenn wir das ganze verlogene Getue sehen. Ich habe ja das Geld gespart, dass es ein richtiges Fest wird. Wetten, dass die Erni behauptet, sie hätte das Begräbnis bezahlt, nur damit man sie wieder bewundert. Immer hat man sie bewundern müssen, während ich das Ekel war. Dabei werden sie jetzt weiß Gott was für einen Schmarren von mir daherreden. Wie tüchtig ich immer war und immer hätte ich allen geholfen. Das sagen sie aber nur, damit sie die Erni desto mehr bemitleiden können. Du wirst sehen, genau so wird es sein. Und du und ich, wir schauen uns das dann alles an und lachen uns eins.
Dein Dieter
8. Brief
Mir wollen sie ja einen Strick draus drehen, weil das Sünde ist und so. Aber zum Beispiel das Gerede von Jesus Christus, das war doch nichts, als ein raffiniert gesponnener Selbstmord, um am Schluss wieder als der Bessere dazustehen. Wie ich diese Streber hasse! Aber dir ist es ja egal, du nimmst jeden, das wenigstens ist einmal gerecht.
9. Brief
Sehr geehrter Herr Tod!
Wie geht es Ihnen? Mir geht es gut. Obwohl, ein bißchen war ich Ihnen schon bös, weil Sie mir meinen Fips weggenommen haben, der niemandem etwas zu Leide getan hat, und ich habe Ihnen deswegen erst gar nicht schreiben wollen, habe mich jetzt aber doch dazu entschlossen und möchte Sie aufs Innigste bitten, daß Sie mich jetzt auch holen kommen, damit ich meinen Fips wiederseh.
Peter bekommt die Wohnung und bezahlt die Susanne aus, das haben wir alles schon vereinbart.
Hochachtungsvoll
Ihre Karoline Kerner
Postskriptum: Seien Sie bitte so nett und sagen Sie meiner Nachbarin, der Frau Heidi Röhm Bescheid, wann Sie kommen möchten, damit ich nicht lange in der Wohnung liegen muß und recht bald gefunden werde.
10. Brief
Geht’s dir noch gut?! Ich meine, ich mache den ganzen Scheiß durch, und jetzt, wo es endlich besser wird, kommst du daher!
M.
11. Brief
(Vom Leser zu schreiben)
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in: spa_tien -
heft 3