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Hartmut Abendschein, Mein letzter Kranz

(Sonettenkranz)

*neokonservatives mitspracherecht*

zerstreut in einer vielzahl möglicher benehmen
bereust du stets den mangel an gestalt
dass etwas sei, das frieden gibt & halt
ein sitz, ein ort, dein leben zu bequemen

gebiet & grenze werden nicht zu themen
ein altes lebensbeispiel lässt dich kalt
in ferner zukunft & schon gar nicht bald
gedenkst du nicht, ein anderes leben dir zu nehmen

doch immer bist du auf der suche
neue gedanken findest du in manchem buche
& hie & da in einer zeitgeistschrift

wenn dann ein wort ein andres gegentrifft
vermutest du ideen rückschrittlicher stufe
ganz gleich, ob wundermittel, wasser oder gift



*romantischer gegenentwurf*

ganz gleich, ob wundermittel, wasser oder gift
bedenke ich dagegen stets das neue
& diesem wollen haltend auch die treue
spreche ich offen, greife heimlich nicht zum stift

nehm ich in kauf die eine wie auch andre pflicht
verstrick ich mich in lauterem getäue
ein dichtes ding ich nicht zu freuen scheue
ist zweifel, ausdruck eher noch als drift

ins unvernommne zu verschwinden
kann ich mit dieser haltung überwinden
bin ich ganz sicher nicht ein einzelfall

nur keine forderung scheint mir zu schlicht
alles zu wollen, nämlich, überall
predige ich wein & lache gleichsam den verzicht



*unparteiisches staunen*

predige ich wein & lache gleichsam den verzicht
so windig schäumt nur deine unterstellung
auf beiden seiten mangelt nämlich die erhellung
stellt sich nicht hinten an & wartet nicht

hielte ein dritter über uns gericht
notierte er manch ungereimte achtung
für jeweils andrer seite schnellbetrachtung
die not & kälte mancherzeit besticht

nichts lässt ihn länger dann verweilen
lässt uns zurück & punkte teilen
zuckt nur die achseln er & wirft sich fort

zurück zum ich will dennoch ich mich sehnen
& bleibe wo ich bin, an keinem ort
denn ich will alle sichtungen der welt entlehnen



*standpunkte – bewegungen*

denn ich will alle sichtungen der welt entlehnen
spiegelt der blick zurück die flucht nach vorn
doch keinen grund seh ich zur sicht im zorn
& im vergeltungstrieb mein recht zu sehnen

im stillstand fängt mein ort an sich zu dehnen
wächst aus dem stachel noch ein kleiner dorn
bleibt doch die flucht zurück, der blick nach vorn
zur wiederholung eingefleischter szenen

wär ich doch ausser mir & könnte starren
& weitres tun als vertikal zu harren
& über meinem halse stehn

auch in die erde drückt mich mein verlangen
& auch mein kopf will unterirdisch gehn
allein mein körper hält mich hier gefangen



*erste eindrücke*

allein mein körper hält mich hier gefangen
& will doch einmal seinen anfang sehn
von stunde null an oder monat zehn
dem roten faden einmal nachgegangen

frühe gespenster unverhängt verhangen
bedrängten selten, wurden übersehn
wahr & als wahrnehmender zu bestehn
galt nur ganz selten etwas & in kleineren belangen

das zu bekommen, was ich eben wollte
& das zu lassen, was man unterlassen sollte
war weder sehr gewöhnlich noch abnorm

erst später paarten sich manien mit manieren
& ich – d. h. die andren - auf der sucht nach meiner form
um vielfach mehrheitlich zu initialisieren



*schwellenängste*

um vielfach mehrheitlich zu initialisieren
bestimmt ein unsichtbares mass durchschnittlichkeit
im nachhinein ist eine wertung dieser zeit
wie ein im-rechten-masse perturbieren

goldfroh erinnerung darüber zu verlieren
blieben doch reste grosser haftbarkeit
z.b.: traumhalluzinierte erste zweisamkeit
kann nicht mehr ihren namen buchstabieren

vergessen auch gelegentliches & gelage
wo gehst du hin? & wie war doch die frage?
& all die sachen ohne herz & mut

waren effekt von allem ausprobieren
an schein & sein, vermeintlich schön & gut
ins körperferne mich zu phantasieren



*dementieren*

ins körperferne mich zu phantasieren
ein privileg, romantisch adoleszentriert
endet gewöhnlich hilflos, grausam etabliert
& es beginnt mein gegenbild zu kandidieren

das, was ich meinte mit „manieren"
holte auch mich ein, überholte, heimlich triumphiert
der den verlauf schon lange hatte proklamiert
will nun banal bewusster überstrapazieren

ich gebe zu, sind ein'ge spitzen stumpf geworden
& viele reichen nicht mehr aus zum morden
wohl aber zeugen sie nervosität

doch bei den gegenzeichen angefangen
unter- & überschätzung kleinrer qualität
geb' ich gelassen mich & unbefangen



*erzeugerentsorgung*

geb' ich gelassen mich & unbefangen
vergess ich eines nicht & das seid ihr
erzeugersorgen zwischen mangeltrieb & gier
verträumte euer selbstversäumtes mich zu fangen

versäumtes selbstverträumtes zu-sich-selbst-gelangen
stattdessen injektionen durch ein projektionsklistier
ein lösen, löschen, lassen eigener manier
von mir dies umzusetzen scheiterte als unterfangen

substrukturelle kämpfe altgriechischer grösse
moderne analysen unbewusster blösse
für mich erst lachhaft, bleiben doch nicht ignoriert

man sagt, so funktioniert das leben eben
wie dir, so ist es vielen schon passiert
doch nicht zu spät sei`s für ein andres überleben



*beziehungswaise*

doch nicht zu spät sei`s für ein andres überleben
ein muster alter freundeskreise
wird hochgehalten, diene zum beweise
für wohlgeformtes & gelungnes weben

ein paarsein könnte beispiel geben
nicht zu verachtender verbindungsweise
ein windhauch reicht, ich lache leise
um diese wieder aufzuheben

hemmt skepsis mich vor enger bindung
bezugsbezüglich & der wahrheitsfindung
& unbesprochner dinge wegen

so stell ich denn modelle neben-
einander, ohne eignes zuzulegen
ob ich's gesehen hab in meinem streben?



*arbeit macht sinn*

ob ich's gesehen hab in meinem streben?
ein stetig neues, angemessen & mich zu vertreten
& stellvertretend mich in einer späten
passion & pflichtigkeit in einem auszuleben

allein die arbeit handlungslauernder epheben
& deren zielsortierung, eifrigstes verwandelbeten
grundlagenloses & verspanntes wurzeljäten
greift mir zu kurz, unfähig jenen mangel zu beheben

eine begründung hierfür hat sich schnell erdacht
ist multiplikation nur mengenmäss`ge wirkungsmacht
anstiftend doch den sinnverbrauch

vermehrt sich zeitzins dieses arbeitslustgewinns
stellt es kein mehrwerk da & somit auch
das gegenteil vielschichtig aufgetragnen sinns



*götterdämmung*

das gegenteil vielschichtig aufgetragnen sinns
als andrer meinung glaubenswertes wollen
x-fält`ger einheit ehrung & respekt zu zollen
vielnamensgleicher theorie ursprünglichen beginns

ist für mich zustandsdiskussion jenseitiger bins-
enweisheit, um ein hiersein auf ein höheres abzurollen
& knebelung der wahrheit durch ein wollensollen
nur mechanismus rationalisierten übersinns

& götterschöpfend wortreich linienlegend
so unfruchtbar in einer herrschaftsfreien gegend
nur angstgeschöpftes braucht ein einfaltsjoch

ich kenne jenes reduktionsverfahren
mische ich eigenstoffe lieber, scheitere & doch
will man mich immer noch davor bewahren



*traumfinale*

will man mich immer noch davor bewahren
euphemisierungsgaben restlichen verbleibens
der zwiegeschiedenheit mortalem scheidungstreibens
zur kenntnisnahme mir, das aufwärts widerfahren

spekulationen über jene absehbaren
enden allen gleichsamen entleibens
zu wenig zeit mir, annehmlichen zeitvertreibens
um meine totenmaske vor mir aufzubahren

lass ich finalgedanken dem finale
verneine unsägliches ins pauschale
& packe nicht vor oftzitierter letzter wanderung

haste ich lieber doch ins ungefähre
& meide jene gutgemeinte fassung
ob nicht ein einz'ger weg ein kluger wäre?



*extended version*

ob nicht ein einz'ger weg ein kluger wäre?
zurückzukommen auf die ausgangsfrage
seh ich mich ausserstande in der lage
antwort zu geben mit der nötgen schwere

der allerweltsichtungen überbleibsel lehre
poetisch heterogenes sinngemengelage
zu suchen, ordnen, sammeln, so ertrage
ich, die stetig anwachsende misere

geformtes & magaziniertes schweigen
geradgepegelt, immer noch am steigen
& wartend selbstverhängter schröpfung

was kann & werde ich mir aufbewahren
wenn meine speicher voll bis zur erschöpfung
sich noch erweisend, nicht sofort, vielleicht in spätren jahren



*sic tacuisses*

sich noch erweisend, nicht sofort, vielleicht in spätren jahren
der langen rede kurz gedachten eilens
aus jetzger sicht umständlichen visionverweilens
könnt ich mir einen zukunftsblick ersparen

würde ich konsequenterweise so verfahren
& handlungsdenken ungelenken handlungspeilens
aufgeben dieszugunsten eines schweigenteilens
würdest ganz sicher du von andrer stelle es erfahren

was solls, ich kann mein maul nicht halten
& sollte noch einmal ein längerer sermon sich entfalten
von mir aus, geh dorthin, von wo aus du`s erträgst

nur kann ich die wahrscheinlichkeit nicht nehmen
dass dort schon teil um teil von mir erwächst
zerstreut in einer vielzahl möglicher benehmen



*letzte dinge - sonetto magistrale*

zerstreut in einer vielzahl möglicher benehmen
ganz gleich, ob wundermittel, wasser oder gift
predige ich wein & lache gleichsam den verzicht
denn ich will alle sichtungen der welt entlehnen

allein mein körper hält mich hier gefangen
um vielfach mehrheitlich zu initialisieren
ins körperferne mich zu phantasieren
geb' ich gelassen mich & unbefangen

doch nicht zu spät sei`s für ein andres überleben
ob ich's gesehen hab in meinem streben?
das gegenteil vielschichtig aufgetragnen sinns

will man mich immer noch davor bewahren
ob nicht ein einz'ger weg ein kluger wäre?
sich noch erweisend, nicht sofort, vielleicht in spätren jahren



in: spa_tien - heft 4