Hartmut Abendschein, Hohlkugelwelten.
Transforming the Earth into Globus Cassus
I. Erste Sichtung. Eindruck: Streiche ich mit der Nase entlang des Bucheinbands, vor allem auf den Innenseiten, frage ich mich, in welchem Stall es gelegen hat. Eines der schönsten Bücher der Schweiz des vorvergangenen Jahres. Ein Prädikat. Besonders fiktiv.
II. Orientieren, worum es geht: Die Raumreisefiktionen der Menschheit in die nächste Nähe zu rücken. Einer Optimierung unseres Raums. Der „Vervielfachung und Verbesserung der Lebensfläche auf der Welt“, lese ich. Und: Arbeiten, die sich nach Aushöhlung, Ausstülpung und Umverteilung anhören. Richtig.
III. Diagonal: Das Buch ist eine Art Projektdokumentation eines Gedankenganges und arbeitet mit zwei Bildteilen: der Darstellung einer ästhetischen, dann einer mathematisch-geophysikalischen Transformation der alten Erde in eine neue. Mehrere Begleittexte. Erzählerische. Wissenschaftlichere. Vielsprachige.
IV. Zentral: Eine Utopie. Eine Was-wäre-wenn-Welt. Diese finde ich auch im Netz. (http://www.globus-cassus.org). Diese also buchgewordene Netzliteratur? Ich verliere mich dort ein wenig*. Warum also ein Buch? Hier kommt auch der Einband wieder ins Spiel.
V. Noch einmal, aussen: Ich identifiziere den Geruch von Ziegenleder, das den Buchblock umgibt, ohne das weiter zu recherchieren. (Ich kann gut mit dieser Vermutung leben). 181 Seiten. 104 Seiten Bild- und Zitat-, der Rest Textteil. Natürlich lese ich nicht zuerst den Text, sondern fliege über die Bilder. Dazwischen: Grossgesetztes, zweisprachig, eine fast lyrische Prosa, die auch auf den hinteren Teil des Buches verweist. Linkstrukturen.
The rapidly increasing population notices that their planet will soon be too small. The Earth is dismantled to provide building material. This is taken away to create Globus Cassus, a new, much bigger habitat, thought out from scratch.
VI. Dann: wieder Bilder, und langsam kommt eine Ahnung vom Ansatz des Experiments auf. Bunte Kollagen. Gelatinestrukturen durch blaues Aquarell getropft. Etwas fasert durch den Raum. Ein Fünfeck bildet da und dort einen Knotenpunkt, belebt sich.
Nodes are constructed at the top of the lifts. People live in these nodes while the Earth is being rebuilt. Connections are created between the nodes. A skeleton spanning the Earth completely is constructed from these intermediate pieces.
VII. Visionen: Wolken. Erdoberfläche. Eine erstarrende Magmasäule wird zu einer wichtigen Stütze eines zukünftigen, erdumspannenden Netzes. Eine Vision altbiblischen Ausmasses wird bildlich umgesetzt. Regenfälle. Ein Arche-Noah-Szenario: Neuordnung der Lebensgrundlagen, Staumauern, geomorphe Farbspiele. Später: Städte in Hanglage. Eine Protogarten gedeiht, im Hintergrund sieht man das Zentrum für interspezifische Migration.
VIII. In nuce: Es geht also um nichts Geringeres, als eine neue Welt zu bauen. Aus Teilen der alten. Konkret: Das gesamte Erdinnere wird als Baumaterial begriffen und dient dazu, eine Art Erdaussenkapsel zu errichten. Eine Hülle, deren Gerüst vorläufig bewohnt werden muss, denn unten (innen) geht es bald munter zu. Wir beobachten das Entstehen von Globus Cassus. Die grossen Regen. Die klimatischen Umwälzungen. Wir bleiben also in jenen Aussenstellen, sogenannten Archivknoten, bis sich die Situation wieder etwas beruhigt hat, bis sich dort und entlang der Äquatorflanken ein neunmal grösserer Lebensraum eingestellt und sich sämtliche Rohstoffe neu verteilt haben. (Es gibt da genaue Pläne, bitte lesen Sie nach). Dann wird gesiedelt.
IX. Oder: Es geht also um nichts Geringeres als Gerechtigkeit. Und in dieser Form grundlegend: der Idee geologischer Gerechtigkeit als Ausgangspunkt. (Mit dem Menschen als neuen, besseren Schöpfergott). Ist diese Grundlage gewährleistet, scheint das Entstehen eines gerechten Sozialraums fast schon Routine. Dass dieses Projekt, wollte man es umsetzen, seine Zeit brauche, ist klar, und auch, dass alle daran mitarbeiten müssten. (Hier beginnen die Zweifel). Dass es tatsächlich funktionieren könnte, suggerieren Tabellen, Kalkulationen, Datenapparate und Modelle. Ich überprüfe das nicht.
X. Fragen: Wie lange dauert der Umbau der Welt in Globus Cassus? Eine „lange Zeit“, heisst es. (An einer Stelle ist von 1000 Jahren die Rede). Und in dieser Welt, in der es keine kleinen Lösungen mehr gibt, denkt man vielleicht: Warum nicht? Oder: Think big. (Hier enden die Zweifel).
Zu: Christian Waldvogel, Boris Groys [et al.]: Globus Cassus. Lars Müller, 2004. Dokumentation anlässlich der Ausstellung “Grössere Erde” im Schweizer Pavillon der 9. Internationalen Architekturausstellung in Venedig, 12. September - 7. November 2004. *Texte, Bilder, Wiki: Globus Cassus. Mehr Bilder.