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Gerhard Jaschke, (K)ein Editorial

Über dieses Heft hinaus

Hier in Boswil lässt sich wahrlich recht gut über dies und das sinnen, so auch, und vor allem, wie ich meine, über “Das Passive”. Eine Überlegung, die auf einmal gegeben ist: Wir haben es mit Aktiv- und Passivrauchern zu tun, es gibt aber auch Aktiv- und Passivleser/innen, vieles andere mehr. In Erinnerung habe ich ein Gedicht von Ernst Jandl, in dem er, oder das lyrische Ich, den anderen beim Leben zuschaut. Es genügt, dass eine/einer diesen Part übernimmt. Doch sind wir wirklich so passiv, nur wenn wir nicht gleich aktiv scheinen, uns aktiv fühlen, es sind? Das Passive, das Kontemplative, hat schon seinen Sinn, ist wertvoll, dünkt uns des öfteren. Oder bilden wir uns dies bloss ein? Wahrscheinlich ist es so, aber wer kann dies bereits wissen? Das Passive ist nicht das Aktive. Das glauben wir erkannt zu haben. Ist nicht aber auch im Passiven schon viel Aktives enthalten, und umgekehrt im Aktiven einiges vom Passiven?

Scherben bringen Glück, sagt man. Die Flaschen fangen zu tanzen an, stossen sich gegenseitig, rempeln einander ganz fürchterlich, fuchteln in der Luft herum, flippen geradezu völlig aus, legen Tangoschritte gehetzt aufs Parkett, drehen sich im Walzerklang, vollführen wie verrückt einen Foxtrott um den anderen, recken ihre Hälse in die Höhe, lassen Korken knallen, fetzen im Boogie-Fieber rasend dahin. Zirkus!

Weniger ist immer mehr. Noch besser: Du beginnst erst gar nicht, dann hast du das Ziel schon erreicht. Mit einem Wort: Du errangst das längst Angestrebte, indem du dich nicht vom Platz wegbewegtest. Kann man das so sagen? Man kann. Falls man es sagen kann, kann man es auch so sagen. Warum denn eigentlich nicht? Nur wird das Ganze schon wieder einmal recht üppig, ufert also aus, wird übertrieben, lockt Menschen an, mutiert zum Zirkus, ist auf einmal ganz schrecklich laut und somit weit weg von der Art und Weise, wie man sich das nun einmal irgendwann vorgestellt hat, gewissermassen eine Übung von Andacht, Meditation, Insichkehr, also eine Aufräumarbeit für einen selbst, Befreiung, Schlackenloswerdung oder was oder wie und wie immer auch nicht.

Weniger ist mehr, schwebte uns vor. Das war einmal. Das war ein schönes Stück Arbeit. Wir machten uns auf, waren bestrebt zu zeigen, was wir können, und trachteten geradezu nach Einkehr, Besinnung, ernstzunehmendem Tun, und dann das!

Langsam wuchs er zum Geschirrspülautomaten heran, heimste Titel um Titel ein, ging in Rente, verursachte Schäden, blinkte unverdrossen in eine neue Zeit, die er nicht verstand, die ihn nicht verstand.
Alles klar? Natürlich.

Gottfried Keller: “Endlich kam aber ein schöner Abend über das Gebirge...”
Robert Walser: “Alle Wege weisen in irgendein Leben, mehr braucht er nicht, denn jederlei Leben verspricht viel und ist voll entzückender Erfüllungen.”
“Alles Nebensächliche, Unwichtige war wie von einer Hand fortgezogen worden, damit nur Wesentliches übrig bleibe.”

Hier Gelassenheit übend, drüben im Abwärtsgewandten, der Abgeschiedenheit Füllhorn!
Eine kontinuierlich sich vorantreibende Geschichte, ein Letternmeer, aus dem die seltsamsten Konglomerate auftauchen, sich ziehen lassen - weltumspannend.
Immer hat irgendetwas mit etwas anderem zu tun, die Musik kommt zu Wasser, zu Land, stets die nämliche Schilderung von Sonnenauf- bis untergang, von Geburt bis Tod ("Von der Wiege bis zum Graab” - Wölfli).


in: spa_tien - heft 2