Falk Andreas Funke, krause, der tod und das irre lachen
krause, der tod und das irre lachen
da steht ein schöner besuch vor der tür: der tod und das irre lachen. dann kommt ihr mal rein und setzt euch hin, sagt krause. er geht vor in die küche und macht kaffee. der tod trinkt schweigsam und ernst, bleich wie er ist, in seiner schwarzen kutte. das irre lachen aber verschüttet beim irren lachen zuckend die hälfte des inhalts über den tassenrand. krause holt einen lappen. das irre lachen zeigt auf die pfütze, von der es bald schon vom tisch auf den boden tropft, zeigt dann auf krause und steigert sein lachen noch mal bis ins hysterisch-groteske. der tod räuspert sich. entschuldigung, sagt er zu krause, man kann es nicht zu leuten mitnehmen, das irre lachen. wirklich, man blamiert sich zu tode. es war ein versuch – der versuch ist gescheitert – auf wieder sehn. während im treppenhaus und auf der straße das irre lachen allmählich verklingt, trinkt krause alleine in der küche seinen kaffee. dann steht er auf, holt eimer und schrubber.
nach zwanzig jahren über den akten nimmt krause sich vor, das leben zu feiern
nach zwanzig jahren über den akten nimmt krause sich vor, das leben zu feiern. das wird ein rauschendes fest. was er da alles hineinpackt, wundert ihn selbst: liebhaber aus drei verschiedenen generationen (der jüngste schaut noch zu ihm auf) und endlich reisen: paris, dem er einmal unrecht getan, böhmen, das er vernachlässigt hatte, dazu krakau, das eisige island und die baltischen republiken. auf den süden will er vorerst verzichten. das essen in feinschmeckerlokalen wird krause zur fröhlichen pflicht; mit den liebhabern, der freundin oder alleine. und erst das trinken! wie krause die besten weine genießt, oder die, die er bei seinem durst dafür hält. krause hat immer durst gehabt, jetzt wird er gelöscht; vor und nach den theaterpremieren, die krause natürlich alle besucht. er schaut auf die uhr. was, schon so spät? er ist doch noch gar nicht so richtig müde, und es wird bereits zeit, in den garten zu gehen. da sitzt schon der tod in seiner schwarzen kutte und schläft, die sense gegen den birnbaum gelehnt. krause prüft mit dem finger die schärfe der schneide. dann leckt er sich das eigene blut. der tod aber schläft wie tot. krause schleicht sich leise davon. er hatte doch irgendwo noch eine flasche... bestimmt bekommt der tod beim erwachen ja durst, und dann könnte man wohl vor der lästigen pflicht noch miteinander ein gläschen trinken.
krause geht über den amtsflur
krause geht über den amtsflur. wie oft ist er schon über diesen amtsflur gegangen? krause geht über den amtsflur, vorbei an einem sarg. krause stutzt und bleibt stehen; ein geöffneter sarg aus dunkel lackiertem holz, gespiegelt im glanz des linoleumbodens. krause schluckt. der verschmitzte hausmeister kommt und stellt ein brett an die wand, grüßt krause mit einem grinsen und sagt, wie immer lakonisch: der deckel.
karuso, frau nase, krauses mutter und krause treffen sich in der sterbeambulanz
auf dem flur läuft ihnen eine steingraue greisin mit wirrem haar in die arme. sie fragt, wo es hier zum sterben gehe – bitte. man schaut einander betreten an. wer kennt sich schon aus in einer sterbeambulanz? endlich erscheint eine krankenschwester. sie nimmt die greisin bei der hand und sagt gereizt: aber frau düllmann, wo wollen sie hin? und im ton unterkühlter freundlichkeit an karuso, frau nase, krauses mutter und krause gewandt: ob man schon die erklärungen unterschrieben habe? gut, dann könne man ja die ausblutungszellen belegen. eine tür öffnet sich. zwei pfleger transportieren auf einer bahre den leichnam einer soeben verstorbenen frau. gesicht und hände sind kreideweiß, die augen lidschlaglos geöffnet. aus dem mund aber dringt ein rasselndes röcheln nach luft. krause senkt den kopf und atmet ein. lassen sie sich, sagt die krankenschwester, von der posthumen agonie nicht beirren. es geht der verstorbenen ausgezeichnet. wenn sie mir bitte folgen wollen? krause aber weiß nicht mehr, was er will. das gemeinsame sterben ist zwar beschlossene sache – aber warum? eigentlich hat er gar keine lust. wo überhaupt ist seine mutter geblieben? was ist mit frau nase? steht er hier nicht mit karuso und der krankenschwester völlig allein auf dem flur? karuso sagt durch ein gähnen hindurch: also dann… er legt sich auf eine pritsche, rollt sich routiniert ein und beginnt sofort zu schnarchen. sind sie nun auch bereit? fragt die krankenschwester an krause gewandt, ohne ihre ungeduld zu ummänteln. krause tritt vor. warum nur, fragt er sich, tue ich ständig dinge, obwohl ich sie eigentlich gar nicht will?
dann, noch in den letzten hohen tagen
dann, noch in den letzten hohen tagen, dieses desaster. ein abgestürztes libellenwrack verraucht auf den steinen. ameisen demontieren es. sie nehmen rache für ihre unfähigkeit, zu fliegen. krauses reise geht unter die erde, durch gänge mit wurzellicht. hauchdünn geädertes flügelgewebe wird zusammengefaltet und eingebracht in die vorratskammern eines bodenständigen volks. kein wort mehr von der tiefblauen gartenluft und der grillenmusik, in der man zu träumen gewagt hat.
der tod sitzt im garten
der tod sitzt im garten in seiner schwarzen kutte, deren kapuze er nicht abnehmen kann. er sitzt auf einem der weißen stühle, das stundenglas auf den tisch gestellt, die sense gegen die kante gelehnt, so sitzt er, zusammengesunken, vornübergebeugt, erschöpft. die viele arbeit, die ständigen hausbesuche und ewig das gleiche gejammer, das doch keinem nützt. da hat er sich zwischen zwei kurzen kassenterminen in einen garten gestohlen. mal zur ruhe kommen. das stundenglas rieselt so leise wie schnee und leiser noch schläft der tod einen todmüden schlaf. ob er wohl träumt? von den freien tagen nach dem jüngsten gericht? atmet er noch? atmet der tod überhaupt? oder ist er vielleicht selber gestorben? ist der tod tot? wer käme dann ihn zu holen, hinüberzuleiten in die andere welt? das bliebe wohl an seiner gehässigen schwester kleben, der endlosen alten, dem ewigen leben.
in: spa_tien -
heft 3