Editorial
Gleim, der Tod und das MädchenZu dem Thema kamen wir bei einer kleinen Diskussion um Johann Wilhelm Ludwig Gleims Gedicht mit dem gleichnamigen Titel.
An den Tod
Tod, kannst du dich auch verlieben?
Warum holst du denn mein Mädchen?
Kannst du nicht die Mutter holen?
Sieh', die Mutter sieht dir ähnlich!
Frische, rosenrothe Wangen,
Die mein Kuß so schön gefärbet,
Blühen nicht für blasse Knochen!
Tod! was willst du mit dem Mädchen?
Mit den Zähnen ohne Lippen
Kannst du es ja doch nicht küssen!
Eine in seinem Umfeld1 heitere Adresse, die in mehrfacher Weise die Aufnahme eines Dialogs mit dem Unvorstellbaren beginnt und es personifiziert.
Was ist vom Skandalon Tod geblieben? In den Beiträgen dieser Ausgabe ist Angst vor dem Tod nicht zu spüren. Da sind Betrachtungen über Gräber und Begräbnisse, Briefe und Gedichte in direkter Ansprache an den Tod, der Tod wird als Gast empfangen, man nimmt Abschied.
Tod, wo ist dein Stachel? Auf geradezu provokative Art wird diese Frage neu gestellt.
Das Todesthema ist – wie beispielhaft in der Bilderserie von Rittiner & Gomez umgesetzt – oft auch mit dem Komplex Alter / Jugend, also einer Verfallsgeschichte verwandt. Mühelos könnten also einige Texte im „nichtthematischen“ Spatien-Teil hierzu gerechnet werden.
Wir freuen uns, Ihnen ein vielschichtiges Heft zu einem oft sprachlosen Thema präsentieren zu können, und wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.
Hartmut Abendschein & Markus A. Hediger
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1 erschienen in Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Versuch in scherzhaften Liedern und Lieder. Nach den Erstausgaben von 1744-45 und 1749
in: spa_tien -
heft 3