Daniel Henseler, zeilen
verlässt ein schriftsteller das hotel,
doch nicht der, dessen buch ich gerade lese
hier am tischchen, beim milchkaffee.
in dieser kleinstadt leben ansonsten nur vorortmenschen,
und ich bin noch müde von einer kurzen nacht.
es ist ein frühlingsmorgen, und drüben
liegt eine schwarze barke im fluss,
indessen das spotlicht der sonne und der erinnerung
nur gedämpft in die wellen fällt.
im barock der kathedrale plätschert die sonntagspredigt.
während der messe kommen mir gewöhnlich
die besten ideen, doch sind nie gedichte darunter,
nur vage großprojekte für das leben.
der schriftsteller schaut sich um, er kratzt sich am kinn
und mustert die menschen, dann dreht er ab.
er verliert sich in einer seitengasse
brief
verehrte dichterin
ich möchte Ihnen nur mitteilen
dass ich gestern abend an der haltestelle stand
und wartete
es war karneval
aus den gassen dröhnte wilde musik
und die busse fuhren nicht nach plan,
oder nach einem, den ich nicht kannte
farbiges konfetti flog durch die luft
und ich stand auf dem falschen perron
verehrte dichterin
ich möchte Ihnen mitteilen
dass ich an der haltestelle stand
und Ihre gedichte las,
in einer stadt, fern der Ihren,
während der schnee trieb
Brief an einen Lyriker
Sehr geehrter Herr
Im Hinblick auf Qualitätssicherung haben wir Ihre letzten Veröffentlichungen einer Evaluation unterzogen.
Es ist uns aufgefallen, dass der Umfang ihres Werks für die evaluierte Periode insgesamt bescheiden ausfällt. Sie nutzen im Weiteren die Fläche des einzelnen Blattes nicht aus. Sie arbeiten mit Wiederholungen und mit Metaphern statt mit Wirklichkeiten. Sie wenden sich überdies oft an ein Du, ohne dieses näher zu präzisieren: der Kunde kann sich auf diese Art und Weise nicht angesprochen fühlen. Auch sind Ihre Texte selten zielgerichtet; es wird nicht deutlich, welche Handlungsanweisung Sie zu geben beabsichtigen. Eine gewisse sprachliche Kompetenz ist Ihnen zwar nicht abzusprechen, doch fehlt Ihrem Werk bisweilen die Genauigkeit der Aussage.
Der Ertrag aus den eingesetzten Mitteln erscheint uns dürftig. Wir sehen uns deshalb gezwungen, künftig auf die Förderung Werks zu verzichten.
Hochachtungsvoll.
* * *
wie die zeit vergeht
an der holzwand verwittern
die wickenschoten
* * *
bittere erde
die kirschbaumzweige im glas
wollen nicht blühen
* * *
wie finde ich heim
der wegweiser steht nicht mehr
noch blüht der kirschbaum
* * *
der holunder blüht
noch nicht noch spielt er auf zeit
ich kann ihn riechen
* * *
mutter
der sturm ist vorbei
das fenster zu auf dem tisch
der weihwasserkrug
* * *
am dreikönigstag
ertönen sternenlieder
kommt herein, kinder
* * *
zeit, einmal mehr
wer klopft an die tür
die hunde schlagen nicht an –
im hof: forsythien