Corinna Prokop, Slippen
„Meine Krankheit glich einer Nahtoderfahrung“, sagte Teff Kilani und ein Protokollant notierte.„Inwiefern?“
„Ich erhielt eine erste Einsicht in meine Krankheit als ich mir das Gesicht rasierte“, sagte Teff Kilani.
„Inwiefern?“
„Mein Gesicht erreichte eine Dimension, die mein Badezimmerspiegel nicht mehr zu fassen wusste. Zuerst glaubte ich an eine Verzerrung der Wahrnehmung, verursacht durch eine Beule im Spiegel. Und auch mein Tastsinn, ich tastete meinen Kopf ab, verriet mir, dass der Spiegel mich belog.“
„Und was geschah dann?“
„Ich dachte nicht weiter darüber nach und rasierte mein Gesicht zu Ende. In der Küche setzte ich Kaffee auf, nahm eine Tasse aus dem Schrank und ließ sie zu Boden fallen. Da wusste ich, dass ich sterben werde.“
„Sie haben doch Selbstmord begangen, Herr Kilani. Sie sind aus dem Fenster gesprungen.“
„Ich beschloss, meinem Leid ein Ende zu setzen, bevor mich der fratzenhafte Tod ins Grab rief.“
„Haben Sie keinen Arzt konsultiert?“
„Doch. Er bestätigte meine Annahme.“
„Und er konnte Ihnen nicht helfen?“
„Nein. Wenn man einmal so weit vom Göttlichen entfernt ist, gibt es keine Möglichkeit, die Verbindung therapeutisch wieder herzustellen. So war es vorbestimmt.“
Ma|k|rop|sie die;-, ...ien: (Med.) Sehstörung, bei der die Gegenstände größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind; Ggs. ↑ Mikropsie
„Sie wussten also, dass Sie sterben, weil die Verbindung zum Göttlichen durch Ihre Krankheit unterbrochen wurde.“
„Gestört wurde.“
„Inwiefern?“
„Die Anamnesis wurde gestört. Ich konnte mich nicht wiedererinnern.“
„Woran?“
„An die Ideen, die ich während meines pränatalen Seelenflugs schaute. Die Abbildungen der Ideen in der Welt sagten mir nichts mehr über die Wahrheit aus. Ich hatte nicht mehr teil am Göttlichen.“
„Leiden Sie noch immer daran?“
„Der Tod heilt alle Krankheiten.“
„Doch Sie haben sich für das Slippen entschieden. Demnach sind Sie nicht wirklich tot.“
„Deswegen sitze ich hier.“
„Wann sind Sie geboren?“
„Am 2. Mai 1904.“
„Verheiratet?“
„Nein.“
„Kinder?“
„Keine Kinder.“
„Irgendwelche Sünden außer dem Selbstmord?“
„Ich war Soldat.“
Slịp|pen das; -s: 1. Änderung der Fallrichtung beim Fallschirmspringen. 2. ↑ Slip (4)
„Wurden Sie für den Nahkampf ausgebildet?“
„Ja.“
„Das prädestiniert Sie für den Umgang mit jenen, die noch Hoffnung haben. Wenn Sie jetzt hier unterzeichnen würden. Haben Sie noch Fragen?“
„Was mache ich mit Selbstmördern, die nicht auf der Liste stehen?“
„Jene Individualisten bitten Sie um ein persönliches Gespräch.“
Datum: Tue, 21 Aug 2006 13:20:19
Von: tessamallarme@gmx.de
An: grimreaper@yahoo.com
Betreff: an den Tod
Sehr geehrter Herr Tod,
ich schreibe Ihnen aus Verzweiflung. Ich heiße Tessa Mallarmé und bin 19 Jahre alt. Aus Umständen, die ich hier nicht näher erläutern möchte, sehe ich mich genötigt, meinem Leben ein Ende zu setzen. Da meine vorangegangen Suizidversuche allesamt gescheitert sind, man rettete mich wider Willen, suche ich Ihren Rat. Ich möchte dieses Mal nichts falsch machen und schwanke zwischen dem Wasser- bzw. dem Feuertod. Was können Sie mir empfehlen? Gesetzt den Fall, ich stehe ohnehin auf Ihrer Liste, warte ich auf Ihr Kommen. Wenn nicht, hoffe ich dennoch auf ein baldiges Zusammentreffen.
Ich dränge Sie inständig, meiner Todessehnsucht nachzukommen, und verbleibe mit freundlichen Grüßen
Tessa Mallarmé
P.S.: Um Antwort wird gebeten.
Datum: Tue, 21 Aug 2006 19:11:45
Von: grimreaper@yahoo.com
An: tessamallarme@gmx.de
Betreff: RE: an den Tod
Liebste Tessa,
leider stehst du nicht auf meiner Liste. Ich kann dich also nicht holen. Dennoch hat mich deine Mail tief berührt und ich möchte dich gerne treffen. Sag mir wann und wo.
The Grim Reaper
Während Tessas prämortaler Begegnung mit dem Sensenmann auf dem Balkon ihrer Wohnung machte sich ein doppeltes Gefühl in ihr breit, das auf Zuneigung beruhte. Sehnte sie sich zunächst nur nach dem Tod, doch nun mit jenem wundersamen Mann bekannt gemacht, drängte sich ein Wunsch in ihr Bewusstsein, bei jenem zu verweilen. Auch er war nicht abgeneigt.
Nach einer langen Unterredung überzeugte sie ihn schließlich von der Notwendigkeit ihres Ablebens, so dass er ihr den Kopf abschlug. Ihren Körper ließ er liegen, während er sich ihrer Seele annahm. So verweilte ihr Geist bei ihm und auch sie war von der Tatsache, vom Tod getötet worden zu sein, angenehm berührt. Nachdem sie sich zärtlichst an den jeweils anderen herangetastet und sich gegenseitig für begehrenswert empfunden hatten, beschlossen sie eine Liebschaft einzugehen.
Nachdem sie eine unglückliche Nacht miteinander verbracht hatten, unglücklich deshalb, weil die Berührung durch und an einem Geist unmöglich war, senkte sich Tessas Kopf in Trübsal. So überlegten sie sich eine Möglichkeit der Anschaffung eines unsterblichen Körpers. Als Teff zum Nachdenken und zum Rauchen auf den Balkon hinausging, erblickte er einen Engelsmarsch. Nach ihren Beweggründen fragte er nicht, doch der Anblick der sich im Schritt auf- und abwippenden Engelsflügel brachte ihn auf eine Lösung. Wo Engel waren, da lauerten auch Dämonen. Und so hielt er Ausschau nach einem weiblichen Dämonenkörper, dem er die Seele entreißen und den Leib der geliebten Tessa für deren Unsterblichkeit schenken konnte. Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, ließ sie vom Balkon fallen und stürzte sich der im Flug erneut aufglühenden Kippe hinterher. Da er Tessas künftigem Körper keine allzu großen Schäden zufügen wollte, überwältigte er den weiblichen Dämon, der auf die Engel lauerte, und würgte ihm die Seele aus dem Leib.
Tessa war überglücklich über den Körper, den Teff ihr brachte, auch wenn ihr Hals von Würgemalen gezeichnet war. Doch wenigstens bewohnte ihr Geist nun einen Körper, dem der unsterblichen Qualle Turritopsos Nutricula nicht unähnlich, die sich im Alter wieder verjüngt und dementsprechend erst stirbt, wenn sie gefressen wird. Warum er keinen Engel brachte, fragte Tessa. Weil er jenen nicht penetrieren könne, sagte Teff.
in: spa_tien -
heft 3