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Christoph Pollmann, TRANSITHERZ

Via Baltica, ich erkenne dich an der Gradlinigkeit der Säumung, so dicht an unseren Flanken. 930 Kilometer von Berlin, 930 von Moskau entfernt. Wie halbe U-Boote sehen die Öltanks am Wegesrand aus, und die Birken wie magere Blitze. Das wellige Land wird uns in seinem Auf und Ab schon bald an uferlose Küsten getragen haben. An das Grab meiner Großmutter.

In Brot und Bier schmeckt man die Entfernung von West. Am minzkalten Wind, dem bissigen Tageslicht spürt man Nord. Die Pilze am Fuß der Birken duften nach Ost. Und nachts bei den pfannkuchenfarbenen Sternen das alte, südliche Sehnen.

In Riga folge den Alten und Kindern! Sie führen dich in die Frische des Moments. Den anderen gehe besser nicht nach. Ihr Ziel ist die Starre, das Bestimmbare, die Umzäunung des Jetzt.

Im Herbst ähnelt der Himmel dem Meer. In grauen Wogen brandet das Wetter herbei und schäumt unbändig über das Land. Dann zieht man in den Straßen die Füße weg vor den Wassern. Überall ist Küste, überall Strand. Doch keiner geht barfuß. Niemand denkt an ein Lachen.

In der Albertstraße an jedem Haus verrenkte Jugendstilkörper. Ich irre in die Hinterhöfe dieser syphilitischen Fassaden, von gieren Tourismusblicken zerlöchert, verkrieche mich in ungekannte Aromen. Besudelte Katzen um Schlagloch und Volkswagen. Türen führen aus der ersten Etage ins Nichts.
Die Trolleybusfahrer haben die absonderlichsten Gesichter. In manchen Hautfurchen verlaufen sich meine staunensstarren Augen.

Pieminekls. Die Säule erhebt ein Weib weit über alle anderen. In Leinen gehüllt, langes Haar, steht sie dort oben und raubt vom Himmel drei Sterne. Zu ihren Füßen imitieren Soldaten die Kunst. Doch der graue, zu Bild gehauene Stein von Janis Zalitis hat viel mehr an Leben als jene buttermilchjungen Pflichtgesichter mit Bajonett.

Im frühen September stolziert man von Sonnenpfütze zu Sonnenpfütze. Die Straßenengen sind schnell durchschritten, dann stürzt man hinein ins baltische Licht und lächelt einfältig mit den Nächsten, den Besten.

So viele Frauen preschen wie halbierte Dressurpferde durch die Stadt. Drapiert, gestriegelt und auf dolchspitzen Hufen. Als gelte es den Pflastersteinen Angst einzujagen.

Schüchtern schaut der Dom über die untertänigen Giebel. Und in steilem Stil drängelt sich das sowjetische Kulturzentrum, das ein mächtiger Kindgott gepflanzt haben muss, immerfort in die Perspektiven. Wie ein unruhestiftender Geist.

In einer Stupsnase kann so viel Einfalt stecken, wenn sie ein nordblondes Mädchengesicht ziert, das nach der Sonne grient. Leinenduftend sitzt sie neben mir, und Bernsteinperlen umkullern ihren sommernackten Fuß. Ich will sie auffordern, sich zu schnäuzen, damit sie wieder ein Stück Echtheit gewinne.

Den Schriftstellerdenkmälern die ersprießlichsten Plätze. Blaumanis doziert den Beeten, Barons döst in seinem Marmorbart. Und was haben sie mit dem moralischen Skalbe gemacht? Es scheint so, als dränge er zur öffentlichen Toilette gegenüber. Er wird sich nie erleichtern können...

Aus der Basilika hat der Russe eine Sternwarte gemacht. So viel groteske Aufklärung. Das Fernrohr zum Gebet, und der Altar zur kosmischen Erkundung.

Und wenn´s regnet: mit den Liebenden auf den Bastejkalns, den Basteiberg! Ihren einfaltsgepinselten Sehnsüchten hinterher, um unter Eichenriesen dem Denken zu entrinnen.

Die Peterkirche breitschultrig, als könne sie Himmel tragen. Ihr Turm hat einen dicken Hals, steif vom Wind aus Nordost. Gern dämmert die Sonne an ihren Wänden und träumt in den Nischen.

Rund um die Goldhauben der Basilika jault die Polizei. Die Sirenen haben einen amerikanischen Akzent. Megaphonimperative, Reifengesänge und immer das Gefühl, hier will erwacht werden.

Der Herbst kommt wie auf Bestellung. Ein Riesenpaket Wind, das am ersten September die Jugend in die Schulgebäude scheucht, die Erlösung des Sommers aus den Gesichtern fegt.
Die Maria-Magdalena-Kirche: Standuhr im Wohnzimmer Gottes. Zu Gast bei Wachslicht und Heiligenbildidyll. Stickdecken für himmlische Streuselkuchen. Silber für ewigen Wein. Musik aus blechernen Engelshälsen. Kopftuchstille. Geküsstes Gold. In Großmutters liebster Kirche will ich eine Kerze entzünden.
Zum Fluss, der mächtigen Düna gelangst du nicht. Selbst der Blick dorthin ist zerblendet von Glas und Blech. Willst du hinüber, so gebe Acht im Kreuzfeuer der berstenden Zylinder. Doch dann - die große Faulheit der Wasser...

Auf die Märkte von Riga zu gehen, heißt sich verschleudern. Alles so dicht beieinander: Mensch, Geld, Ware - unentrinnbar reduziert auf Notwendig, Notdürftig. Hier rieselt noch Salatblatt und Sprotte in steife Handschalen.
In den Marmorgehäusen der Kaufhallen dagegen gibt es die Krume am Boden längst nicht mehr. Der in Lumpen Verbannte würde auf dieser Parkettglätte auch noch das Allerletzte, seine Fassung, verlieren.

Wie eine altgewordene Porzellanpuppe sitzt die Verkäuferin im Wäschehaufen ihrer Bude. Ihr Blick regiert und ist tot zugleich. Sie schaut aus einem Nichts in ein weiteres. Und findet kein Dahinter.

Vögel bei der Langeweile erwischen. Schauerlich, das scharfe Gähnen der Schnäbel.

Rigenser Zungen entflattern allzeit Dollar, Euro, Lat. Wie Druckmaschinen. Wovon sie auch sprechen – diese Dreiheit ist der geläufige Klang. Doch urplötzlich wechseln sie nach Moll und sagen: saule, jura, pirtina - Sonne, Meer und Saunahäuschen. Oga, upe, gailene - Beere, Fluss, Pfifferling.

Dem alten Herder einen Platz. Mit den schönsten Bäumen der Stadt. Die Linden schreiben sich als Hymnen in die strömenden Himmel.
Rainis in Kolossalgranit am Kopf der Esplanade. Argwöhnisch besieht er das orthodoxe Gold der Basilika wie es gen Himmel zwirbelt und versucht Haltung zu bewahren angesichts der Kinder, die Autofahren lernen zu seinen Füßen. Das fremde Knirschen von Hartplastik auf Schotter, das ängstliche Wimmern der Elektromotoren. Etüden für die großen Boulevards.

Warmes Gebäck mit fließendem Käse gefüllt, im Nachmittagslicht des Nordens. Als bisse man der Sonne in den krossen Arsch!

In den Parks von Riga joggen? Blanker Wahnwitz! Mehr Flanieren ist nirgends. Einzig Kindern sieht man es nach, das Übermütige, den Drang, das schorfe Knie im Gemüt.

In den Buchhandlungen wandle man in die hintersten Winkel und Schrägen. Dort verstecken sie ihre großen Dichter, seitdem man Kochbücher mit Literatur verwechselt. Die alltäglichen Bedürfnisse erhalten hier das Vorrecht uns empfangen zu dürfen.

Dievs, der alte Gott der Letten, ist Uhrmacher geworden. Er lebt allein und liest Hegel und Supermann. Eine ehemalige Kolchosenvorstadt, die neue Heimat von Chips- und Bierfabriken, ist sein Zuhause. Das Geschäft mit den Uhren geht kaum, seitdem man nur noch Batterien wechselt, diese kleinen Herzschrittmacher einer todkranken Zeit. Mit seiner Hand streicht er nicht mehr durch die Kornfelder, aber durch das ölige Fell seines Hundes. Er ist gelb wie Gerste und erinnert ihn an die Hingabe des Sommers.

Laime, die Göttin des Glücks, verkauft Plastiktüten vor den großmäuligen Hangars der Märkte. Alles Heil passt dort hinein, hat sie gelernt. Und erschwinglich ist diese seltsam duftende Leere selbst für den Ärmsten.
Laime geht nicht mehr umher. Sie lässt die Menschen zu sich kommen. Denn ihre Füße sind dick wie Lyonerwürste. Ihr drittes Auge, das zwischen den Scheiteln schläft, ist schon lange von einem Blumentuch bedeckt. Seit einer Ewigkeit hat es sich nicht mehr geöffnet. Doch glimmt die Sonne auf sie hernieder, dann ist es fast, als liege Laime wieder jung im Gras, blicke durch die sirrenden Halme und wisse, dass für diesen Moment auf der Welt keiner leiden muss.

Velns, der alte Teufel, ist arbeitslos und hilft manchmal beim Fliesenlegen. Schlachthäuser hat er nicht so gern, er panzert lieber die Bäder der Neureichen. Er ist die Jahre grau geworden, obzwar sein Gesicht eine unaustreibbare Jugendlichkeit beherbergt. Er hat ein Häuschen an der Gauja, ein junges Weib, ein Kind sogar. Und abends geht er hinaus in den Garten und bricht die violetten Azaleen.

Perkons, der Donnergott, ist mittlerweile DJ geworden. Sein Tempel? Cetrie baltie krekli - Die vier weißen Hemden. Ein knallbuntes Kellerkind ist er geworden und redet sich ein, immer noch Herr über Blitz und Getöse zu sein.

Die Trinker rauschen nicht in die Parks. Zu traumreif erscheint ihnen die Heimat hier, ihr grobes Leben zu leer. Erst an diesem Ort dränge die Scham völlig in sie ein, bei Silberweide und wellengewiegter Brotrinde. In diesem Elysium residiert Blaumanis, unweit runzelt Rainis das steinharte Gesicht. Hinter Tretbooten das bunte Gefolge der Enten, und allerorten ruhen sich Parkbänke aus. Was sollen die Trinker hier?
Aus dem Konfektladen tretend, zurück in das Abendkalt, siehst du ein altes Paar. Schorf krümelte von der Schläfe der Frau, während sie ihrem in Lumpen geschlagnen Geliebten hinterdrein geht und ihm Gras vom Pullover zupfte. Ein Fitzel Benehmen. Letzte automatische Liebesdienste.

Bei den gurgelnden Reiseführerinnen im Schatten des Bastejkalns, bei den kettenrauchenden Papierkörben, den frischen Blumengebinden für Andris Slapins, der beim Einmarsch sowjetischer Truppen von einer Kugel getroffen sein eigenes Sterben filmte. Während Riga die Barrikaden türmt und die Panzer herangrollen, einen abseitigen Tod sterben? Die Linse zuckt nicht mit der Wimper, und die Kamerabatterie ist mit mehr Restleben ausgestattet als sein Körper, der verblutet, versickert im fernen Protestgesang seines Volkes.

Der Matis-Friedhof am Zentralgefängnis: Ich schlage mir einen Pfad durch das Gestrüpp der Himbeersträucher und Bibernellen. Die Wegwarte gibt mir Spalier. Um den Ort zu finden, an dem ich weinen kann, mit Blumen voll brauner Flecken in der Hand, Peroxydflecken, damit die nassen Brüder sie nicht vom Grab rauben und Handel treiben vor den Pforten, wo sie von den uralten Weibern beschimpft werden wegen ihrer Ruchlosigkeit und ihrer niedrigen Preise.
Dann stehe ich vor deinem Grab, Großmutter, im Zittergras vor deinem Stein und lege die Schrift frei, die Zahlen. Hoffend, dass ihnen ein Bild von dir entsteigt. Vielleicht eins, das ich vergessen habe in den Jahren. Vielleicht auch eins, das mich vergessen lässt.

Die Wartehallen am Busbahnhof haben rein gar nichts von Aufbruch. Krüppligen Fußes steigen die Tauben auf die grobgeschnürten Fragen am Boden, pappene Hoffnungspacken der Fremde. Gemeinsam werden wir nach Deutschland fahren. Kennt ihr mein Land? Und wie ein Segel ohne Takelage flattert die Antwort als Wolkenbildnis davon.

in: spa_tien - heft 3