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Arne Vogelgesang, der hagere

der hagere hatte einen kubus gebaut, der in der mitte seines zimmers stand und fast den gesamten raum einnahm, in dem sich sonst die wege zwischen den vom hageren gewohnheitsmäßig besuchten orten des zimmers gekreuzt hatten: der gang vom harten bett zur tür, von der tür zum fenster auf die schmale gasse, vom fenster zum schreibtisch mit den stapeln von plänen, skizzen, berechnungen, arbeitsnotizen, vom schreibtisch hinüber zum bücherregal, von dort wiederum der gang zum bett. doch jetzt versperrte der kubus den weg, mitten auf dem gaschgai plaziert.

er war von etwa einem meter kantenlänge - das reichte aus, um die logistik des raums empfindlich zu stören. die alten wege hatten neu gelernt werden müssen, nun bögen, kurven ziehend um den kubus, der in der zimmermitte eher haarbreit über dem boden zu schweben schien, als wirklich auf ihm zu ruhen. tatsächlich wirkte einiges am kubus mehr als seltsam, das gab auch der hagere bereitwillig zu. um so mehr bestand er darauf, zeigte ein etwaiger besucher sich ungläubig und fragte zum wiederholten mal nach, daß wirklich er ihn gebaut. “ich und nur ich mit diesen selben händen,” pflegte er dann mit nachdruck zu sagen und beide handflächen dem blick des gegenübers wie zur überprüfung darzubieten.

der kubus hatte nicht eigentlich kanten und auch über seiten verfügte er nicht, eher wurde seine form gebildet von einer art durchbrochenem gitter, dessen teile1 eine kraft an ort und stelle hielt, deren quelle nicht auszumachen war. weiße stifte aus kunststoff2, sieben zentimeter lang und mit quadratischem querschnitt (14 mm dessen diagonale), markierten kreuzungen, die die form des kubus beschrieben: ein mal drei stifte rechtwinklig aufeinanderstehend an jeder der acht ecken, zwei mal vier, kreuzförmig angeordnet, an jeder kante und vier mal vier innerhalb jeder der sechs seitenflächen. auf jeder seite waren so neun kleinere quadrate angedeutet, deren kanten aber, wie sich ersehen läßt, zum großteil aus gleich großen lücken bestanden.

doch mehr als die scheinbar in der luft schwebenden stiftverbindungen, die den betrachter einen kubus sehen ließen, irritierte sein inneres, denn in jenem raum, den er abzugrenzen vorgab, befand sich noch etwas. der hagere nannte es seinen “blinden fleck”; er hatte mehrmals zu verschiedenen personen gesagt, die ihn in seinem zimmer aufgesucht hatten: “dort wohnt mein blinder fleck”. er sagte dies nie ohne einen stolzen ton in der stimme, wann immer ein besucher ihm die freude bereitete, ihn danach zu fragen, ob da etwas sei, und wenn da etwas sei, was zum teufel es wäre.

man sah es nur aus den augenwinkeln, oder wenn man es schaffte, den blick unscharf zu stellen, als schaute man auf einen imaginären horizont. fokussierte man klar auf den kubus, sah man nichts, oder besser gesagt: man sah, was man sieht, wenn man auf luft schaut. gelang es jedoch, die eigenen augen gewissermaßen davon zu überzeugen, daß sie dort nichts erwartete, sondern vielmehr ganz woanders (keine einfache aufgabe, denn die fragliche zone schien den blick förmlich anzuziehen, als krümme er sich durch den raum zu ihr hin): dann tauchte es auf. und mit seinem anblick3 befiel den betrachter unwiderruflich das starke gefühl, daß es lebte4 .

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1 oder reste.
2 eine spätere analyse würde ergeben: größtenteils polyoxymethylen, dazu ein phthalocyanin und deutliche spuren von azathioprin.
3 wenn man denn hier überhaupt von etwas wie einem „anblick“ sprechen kann.
4 was erst bei einer der untersuchungen einem erstaunten beamten auffallen sollte: die insekten in den fliegenfängern, welche überall im raum verteilt hingen und anhand deren fülle man gerätselt haben würde, wieso gerade dieses zimmer so regelrecht befallen von insekten gewesen sein mochte (was man dann auf einen summton, oder besser eine schwingung außerhalb des für menschliche ohren wahrnehmbaren frequenzbereiches, die der kubus auf wiederum rätselhafte weise (man hätte ja bei gewissenhaftester suche keinerlei bauteile entdeckt haben können außer den stiften, und die waren massiv) erzeugt haben mochte, versuchen würde zurückführen), jede dieser in sowohl für die gegend als auch die jahreszeit mehr als überdurchschnittlicher anzahl an den fallen verendeten fliegen, mücken, motten, falter usw. wären, so unterschiedlich ihre positionen und haltungen an den klebeflächen auch sein mochten, jeweils durchbohrt von einer feinen nadel.


in: spa_tien - heft 1