Andrea Heinisch-Glück, Ein Badezimmer
Grobe Fliesen, die von den Wänden platzen, im Eck unter dem Boiler ein Christbaum mit explodierenden Weihnachtskugeln, in der Waschmuschel, zwischen Zahnpastahügeln und ausgetrockneten Sturzbächen, anmutig geschwungene Haare: Einzelstücke. In der Dusche hockt Pan Tau und streicht über seinen Hut, am Fensterbrett, angelehnt ans schwere Sichtschutzfenster, sitzt Alice und wartet auf ein Wunder. Ein Staubsaugerrüssel stöbert zwischen den Fliesenbrocken nach Glanzstücken, eine Pilatusfigurine fällt von der Etagere und reißt die Zahnbürsten mit, das Handtuch windet sich am Haken.
ZWISCHEN HÖREN UND ERSCHLAGEN WERDEN
die geräusche wenn ein käfer in einer leeren schuhschachtel krabbelt wenn ein taubenkopf gegen eine fensterscheibe prallt oder schlägt ein fensterflügel gegen den rahmen oder wenn verknülltes papier wieder auseinander ächzt das ohr hat einen gehörgang mit flügeltüren die schlagen im wind hin und her und haben schon manch einen erschlagen
Und draußen hupt Mercedes …
… oder aber schwingt sie einen Zauberstab und *pling*, hat sie auch schon ein Coupe herbei gezaubert mit glänzenden Felgen und an der Flanke lehnt eine Jakobsleiter, grasgrün wie der Frühling. Mercedes ist schwarzhaarig mit Silbergefunkel, ihr Goscherl ist von aufgeworfenem Kussrot und ihre Taille schaut auch aus wie eine von Walt-Disney. Wahrscheinlich ist Mercedes sowieso nur eine Erfindung. Samt ihrem komischen Coupe und die Jakobsleiter ist in Wirklichkeit ein aufgesprungener Springbohnenspross.
Melvin
Was wir festhalten wollen: das leichte Federgedeck, in dem Melvin liegt zwischen Löffeln, Gabeln, Messern, Tellern, Servietten und Tischschmuck aus Naturblumen, das Glas Wein, das vom letzten Abend noch übrig geblieben ist, den Rotweinfleck auf dem Tischtuch, die über den Sessel geworfene Hose und das nach Zigarettenqualm riechende Hemd, die staubigen Fingerkuppen, die Kalkreste in den Mundwinkeln und die leichte Überwindung, durch die Wand zu rollen, die sich hinter Melvin schließen wird, kaum dass er auf der anderen Seite ist.
Rosaria schließt die Hosenbeine
Rosarias Nähkästchen, ein Fingerhut und ein Stecknadelkissen, dicht stehen die bunten Stecknadelköpfe, sonst ist es leer bis auf den Geruch von lang abgelegenem Holz, „Ich frag’ mich, was soll das“, fragt ein vorüber kommender Schustergeselle, „bedeuten?“, Rosaria schweigt, sie hat ihn gar nicht gehört, sie misst ellenweise das Land aus mit schneeweißen Leichentüchern, die Stiefelsohlen sind frisch verklebt, in den Stiefeln stecken ihre Füße in Schafwollsocken, aber draußen ist es kalt, der Schustergeselle steckt seine zerschlissene Schusterhose in Rosarias Nähkästchen, schultert sein Schusterränzlein und zieht weiter, dort hinter der kleinen Anhöhe, einen Fingerbreit bloß entfernt, wartet ein ganzes Haus mit Rauchfang und Rauch, der aus ihm steigt, er kann ihn schon riechen, Rosaria nimmt seine Hose aus ihrem Nähkästchen, schließt die Hosenbeine mit Stecknadeln und hängt die Hose an einen langen Haselnussstock und fängt den Wind ein, der die Leichentücher übers Land treibt, kaum dass der Schustergeselle hinter der kleinen Anhöhe verschwunden