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Alban Nikolai Herbst, Cybertecture.

Argo. Anderswelt. Epischer Roman. Zweiter Teil, Drittes Kapitel (Anfang).

In der Tat waren vor Baubeginn die Diskussionen ausgesprochen erhitzt gewesen. Daß Buenos Aires ein repräsentatives Handelszentrum brauchte, stand nie infrage, und auch das Atocha-Gebiet rechts der Themse, bis zur Ausschauflung der ersten, bisweilen über zehn Stockwerke tiefen Gebäudewannen immer noch Brache wie früher das unterdessen von allem Techno gesäuberte und zu einem simulakriven Vergnügungspark avancierte Sarajewo, war als Baugrund niemals strittig gewesen. Aber die Fraktionen waren sich über das Wesen eines solchen Zentrums nicht einig. Materielles Bauen galt als antiquiert, seit die Hodna-Technologie nicht nur die Programmierung von Gebäuden nahezu jeder Gestalt ermöglichte, sondern seit sogar Hardware sie bewohnen konnte. Die schließlich erfolgreiche Fensterreform, nach der sich ein Bürger den Ausblick aus seinem Wohnzimmer kybernetisch selbst erzeugen, bzw. nach Wunsch beim Vermieter bestellen konnte, hatte die Baukunst insgesamt umdenken lassen. Die Vermittlung zwischen Körper und Natur war von Hodna nicht nur übernommen, sondern ingesamt modifiziert worden. Man regelte den Luftaustausch mit der Außenwelt schon lange nicht mehr, indem ein Fenster geöffnet wurde, sondern indem ein kybernetisches System aus Sensoren und Effektoren auf die gewünschten Präferenzen meist zentral programmiert wurde. Man richtete sich gern simuliert ein, das sparte nicht nur die Putzfrau. Röhren aus Energie leiteten Wasser, es kam nicht einmal mehr heiß aus dem Hahn: an die Stelle der Durchlauferhitzer waren Kühlaggregate gerückt. Die über Hunderte Quadratkilometer hochgezogenen, dich aneinanderstehenden, meist quaderförmigen Arkologien, die so sehr an Transistoren auf überdimensionierten Schaltplatinen erinnert hatten, waren von fantastisch in sich gedrehten, jedem irdisch-gravitativen Gesetz spottenden und dennoch von Tausenden bewohnbaren Gebilden überwachsen, teils sogar ersetzt worden. Anders als der sentimentalmaterielle Tokyo Tower aus Stahl, gab es, in Salamanca zum Beispiel, dichte Mietskomplexe wie silberne, raumschiffhafte Kugeln. Der Volksmund nannte sie „Die Bollen“. Wie auf Stengeln ragten die bisweilen kaum menschbreiten Schäfte in den Himmel, etwa der von Tallinn ganze 314, der von Pudong sogar 520 Meter hinauf. Die Kugeln schwankten in jedem Wind, was für die Einrichtungsgegenstände, da teils selbst im hodnischen Feld erzeugt, teils in ihm gut ausbalanziert, unproblematisch war, und die Menschen, hatten sie sich erst einmal daran gewöhnt, fühlten sich nirgendwo besser; die ständige Schaukelei lasse in ihnen, so erklärten Psychologen den run auf die Wohnungen, ein pränatales Glück erstehen. Über Udelnaja lagen Behörden wie beschirmende Flügel, das Arbeitsamt etwa, der Kultursenat. Die Technologie hatte den Nachbau der Akropolis möglich gemacht und übertraf die vor der Großen Geologischen Revision unternommene Restaurierung durch Markos Toufeklis an Genauigkeit und Schönheit um ein Vielfaches, ja es war der gesamte Parthenon mit Hilfe der Computergrafik als ursprünglicher Bau in die Gegenwart herübergetragen, und man spazierte durch ein steinernes Weiß, als wäre die Tempelanlage wirklicher Marmor wie einst. Man konnte ihn anfassen, doch nichts davon brechen, das Kraftfeld hielt die Form. In Slim City weitete sich Frank Phersons Medienbau in die Gestalt eines kleinstadtgroßen Computerbildschirms, auf dem - das war bis Würzburg, ja Salamanca zu sehen - unentwegt die jeweils neueste Telenovela lief, allerdings tonlos, weil zum einen sonst die Anwohner protestiert hätten und weil diese Werbung vor allem als Lockstoff gedacht war, das bilderzählte Produkt auch zu kaufen. Schließlich gab es das sogenannte Thetis-Museum der ESA, das die Schiff-, vor allem aber die Raumfahrt dokumentierte, ein ganzer Mondkrater war darin in Originalgröße durchkletterbar nachprojeziert, man konnte ein Mondwerk besichtigen, in dem tatsächlich Holomorfe den Bergbau betrieben. Dabei bekamen die Leute sogar schmutzige Hände, das Schuhwerk nutzte sich ab und blieb abgenutzt, sofern nicht seinerseits hodnisch produziert.
Bei so viel materialisierbarem NIRGENDS WIRD WELT SEIN, GELIEBTE, ALS INNEN wirkte die Vision einiger Konservativer, die eine dingliche ECONOMIA projektierten, nicht nur unzeitgemäß, sondern lächerlich. Anfangs lachte auch der halbe Europarat, lachte mit seinem auf das Dossier mit nichts als Spott reagierenden Präsidenten. Drei Achtel der Abgeordneten schwiegen. Dann jedoch stellte sich nicht nur Hugues hinter das Vorhaben - das war aus Gründen der alten Wirtschaftsfeindschaft gegen Ungefugger zu erwarten gewesen. Sondern es schlugen sich auch Karpov und Martinot, die schon gegen die Wahrheitsimpfung opponiert hatten, außerdem der Freiherr Balat von den Macardbanken zur Konservativen. Schon war ein neuer Widerstand gegen das Europäische Kabinett losgetreten, es ging imgrunde nicht um die Sache selbst. Nicht denen jedenfalls, die schließlich entschieden. Markus Goltz aber doch. Seit er heil aus dem Osten zurückwar. Er schaffte es sogar, Klaus Balmer, Elenas Direktionsassistenten und, seit sie verschwunden war, designierten Nachfolger, auf seine Seite zu bringen. Wobei er zum einen nur glaubte, seine Frau sei umgekommen, und zum anderen ist ‚auf seine Seite bringen’ keine sehr zutreffende Formulierung; niemand wußte ja, wo der Mann wirklich stand. Bis heute hatte sich Goltz seine Undurchsichtigkeit auch gegenüber Verbündeten erhalten, gegenüber Ungefugger sowieso, aber gegenüber Deidameia auch. Er ging immer nur Zweckbündnisse ein, nahm stets bedingte Haltungen ein. Dennoch war es nicht schwer gewesen, die Wölfin zu überzeugen: Würde Ungefuggers informatischer Welterzeuger, der Stuttgarter Zentralcomputer, tatsächlich funktionslos gemacht oder auch bloß in Teilen beschädigt, war nicht zu sagen, was von Buenos Aires stehenbliebe. Das betraf nicht nur die Arkologien der Porteños, wie sich die Bürger der Zentralstadt nannten, sonden eben auch die Schaltzentralen und Unterschlüpfe, ja ganze Lager der Myrmidonen. Betraf das BOUDOIR, den Quatiano und halb Colón. Freilich war dem intriganten Sicherheitsmann die Vorstellung insgesamt unerträglich, ein solches architektisches, also personen-schützerisches Risiko auf Biegen und Brechen einzugehen. Die Unternehmen mochten es damit halten, wie sie wollten, darauf war ihm - jedenfalls der direkte - Zugriff versagt; der Schutz öffentlicher Gebäude hingegen f i e l in sein Ressort. Außerdem wußte Goltz: Es gibt da eine Diskette. Eine, die der ominöse Deters bei sich gehabt, die datische Virenschwemme, wie Beutlin sie genannt hatte.
So wirkte der Mann unter sämtlichen Decken. Er knüpfte Verbindungen und infiltrierte Argumente. Buenos Aires gärte sowieso von Gerüchten, die obendrein Deidameias Leute unter den sich in Kneipen und Läden drängenden Porteños erst so richtig aufkochen ließen. Dabei kam es im politischen Untergrund kurz zu Grabenkämpfen, denn den holomorfen Rebellen wäre eine informatische ECONOMIA durchaus lieber gewesen. Ein erneuerter Widerstand also gegen Deidameia, den sie mit aller Schärfe unter Kontrolle brachte und schließlich unerbittlich abwürgen ließ. Auf Seiten ausgerechnet Ungefuggers mochten die binären Freischärler allerdings auch wirklich nicht stehen. Goltz wiederum machte der mächtigen EWG, also Balmer, den Mund richtig wässrig, ihm kam dabei sogar eine pathetische Findung: „Leni hat im Osten den Shakaden erbaut, errichten Sie doch einen zweiten im Westen. Aber hart muß er sein, man muß sich wie drüben auf das Gebäude verlassen können.“ Er zog einen scheckkartengroßen Projektor aus dem Jackett, knipste ihn an. Beutlins Freund Kollof, der schon an der Akropolis mitgearbeitet hatte, hatte sich selbst übertroffen: Mitten in Balmers Loft stand das Taj Mahal herrlich mattweiß bis zur Decke. Es ließ sich hineinsehen, hineinfassen, die rotumtüpften Freskenflammen loderten; wäre man auf eine Leiter gestiegen, man hätte auf die Kuppel beide Hände legen und darüberstreichen können. Sogar die vier Säulen, zu allen Seiten, standen erhöht. Ganz wunderschön war das.
„Oh“, machte Balmer, „wo haben Sie das her?“
Goltz lächelte nur in seinem Buttermilchduft.
„Herr Goltz, wirklich! Wissen Sie, was das wert ist? Wenn wir das vermarkten könnten..!“
Der Polizeichef blieb restlos unbeeindruckt.
„Ich schenke es Ihnen“, sagte er, „es ist ein Stückchen Plastik, mehr nicht.“
„Na hören Sie mal! Das ist die Arbeit eines Künstlers, eines Genies des holomorfen Designs!“
„Nun ja“, sagte Goltz, „wenn Sie sich mal dagegenlehnen möchten.“
„Bitte?“
„Ein wenig müssen Sie schon tun, wenn Sie dies“, er hob das Projektorenkärtchen, „behalten möchten.“
„Mit Copyright?“ fragte Balmer.
Goltz vergönnte sich, wie er den primitiven Mann so zappeln ließ, eine durchaus angenehme Satisfaktion.
„Selbstverständlich. Mit Copyright und allem. Nun machen Sie schon! Aber passen Sie auf, daß Sie nichts abbrechen.“
Mich mit meiner Frau hintergehen, dachte er kurz, doch fiel ihm Aissa der Barde ein, und er schluckte den direkten Impuls, sich zu rächen, hinunter. Es ging auch wirklich nicht darum.
Goltz’ absurdes Verlangen war Klaus Balmer durchaus peinlich. Aber, wenn auch zögernd, er folgte. Was nicht ganz einfach war, weil er sich wegen der vorgeschobenen Mauern unten, die allseits das vor dem Bau selbst erhöhte Plateau umgaben, ziemlich strecken mußte.
„Und jetzt bekomm ich das Ding?“
„Ja“, sagte Goltz zufrieden, „jetzt bekommen Sie’s.“
Im selben Moment kippte Balmer seitlich ins Leere, er kippte einfach weg. Längs, mit einem Aufschrei, knallte er aufs polierte Parkett seines Büros.
„Was fällt Ihnen ein?!“
Goltz hatte das Kärtchen in der Mitte geknickt, das hatte das herrliche Grabmal nicht zum Einsturz, sondern einfach ins Verpuffen gebracht. Tonlos. Und noch zur anderen Seite knickte Goltz den miniaturisierten Materie-Projektor, so daß er, es machte knaks, zerbrach.
„Bitte sehr“, sagte Goltz, er zischelte fast, so viel Verachtung saß in ihm drin. „Und jetzt bauen Sie Ihren Shakaden. Aber einen, an den es sich glauben läßt.“
So warf er die beiden Teile zu Balmer, klirrend landeten die Metallchen neben dem gierigen Mann. Der sich halb aufgerichtet hatte, nun sofort danach griff, sie erst nicht vom Boden kriegte, so flach waren sie. Er schob die Fingernägel drunter. Fluchte. Seine Techniker würden das Ding irgendwie wieder heile kriegen. Balmer merkte gar nicht, daß Goltz gegangen war. Und schimpfte wie ein Rumpelstilzchen. Tagelang. Als sich herausstellte, daß sich der Projektor schließlich doch nicht reparieren ließ, schrie er herum. Zwar gab es Tausende Einzeldaten, man konnte tatsächlich einen Teil der Säulen erstehen lassen, auch schon mal Freskenpartien. Aber selbst die blieben instabil. Die Techniker, auch Bekannte von SIEMENS/ESA, denen er nicht wenige Euroscheine zuschob, kapitulierten.
Da gab Balmer die Sache endlich zu denken.
Zuerst rief er Axel Schultes an, der wollte aber nicht; teils weil ihn der so unversehens zu Macht gekommene Angeber wurmte, aber wohl auch, weil es ihm verdächtig war, daß Balmer so gar keine Anstrengungen unternahm, dem Verbleib seiner Geliebten nachzuforschen, mit der sich wiederum Schultes locker angefreundet hatte. Er hatte solche Achtung vor der ehrgeizigen Frau, daß er sogar hinnahm, daß der allerdings öffentlich ausgeschriebene Bau des Ost-Shakadens schließlich nicht von ihm, sondern Eishiro Kotani, einem bei Takenaka Corporation tätigen Reiyukai-Buddhisten, gestaltgebend ausgeführt worden war. Es mußte, wer eine solche Frau liebte, nicht einfach glauben, daß sie tot war. So etwas schien Klaus Balmer vielmehr ziemlich gelegen gekommen zu sein. Und, dachte Schultes, ihrem fischblütigen Gatten wohl auch. Weshalb er Kontakt zum Präsidenten aufnahm, dessen Einfluß auf die EWG schon von Elena Goltz zunehmend ausgehöhlt worden war. Ungefugger mochte das bei einer wie ihr hingenommen haben, wenn aber jemand wie Balmer einen Einfluß auf Europas Geschick nehmen konnte, war das eine offenbare Katastrophe.


in: spa_tien - heft 1